Backlash Effekt und Geschlechterstereoype

Backlash Effekt

Habt ihr euch schon mal gefragt, warum man bei weiblichen Führungskräften eher mal davon ausgeht, dass diese Haare auf den Zähnen haben? Oder warum man bei einem männlichen Erzieher vermutet, dass dieser ganz sanft und feinfühlig, wenn nicht sogar schwach ist?

Nun, das hat etwas mit Geschlechterstereotypen zu tun und damit, wie wir Menschen wahrnehmen, die in geschlechtsuntypischen Berufen und Positionen arbeiten. Um diese (meist unbewussten) Prozesse besser verstehen zu können, werden wir uns im Folgenden den Backlash Effekt ansehen.

Am Ende des Artikels werdet ihr wissen, was sich hinter dem Backlash Effekt verbirgt. Außerdem werdet ihr dann einschätzen können, ob ihr selbst oder andere Personen in eurem Umfeld schon mal von Backlash betroffen waren oder es immer noch sind.

Geschlechterstereotype

Wir haben im Artikel „Geschlechterstereotype – Theorien und Modelle“ bereits gesehen, dass es in einer Gesellschaft bestimmte Vorstellungen darüber gibt, was typisch männlich oder typisch weiblich ist.

Eine weit verbreitete Auffassung ist, dass Männer vor allem stark, aber auch kompetent bzw. intelligent sind (zum Thema Intelligenz und Geschlecht gibt es hier mehr). Für Frauen gilt, dass sie sehr sozial sind und dass sie viel Wärme und Fürsorge für andere Menschen zeigen.

In Bezug auf das Berufsleben haben Untersuchungen gezeigt, dass Frauen (und auch Männer, dazu später mehr) dafür bestraft werden, wenn sie sich nicht typisch weiblich (oder typisch männlich) verhalten. Diese Bestrafung aufgrund von geschlechtsabweichendem Verhalten durch Außenstehende wird in der Literatur Backlash genannt.

Weibliche Führungskräfte

Bei Frauen in Führungspositionen hat man z.B. gesehen, dass diese kompetenter wahrgenommen werden, weil sie als selbstbewusst und durchsetzungsstark gelten. Gleichzeitig wird von diesen Frauen aber auch angenommen, dass sie weniger sozial sind.

Interessant dabei ist, dass es keinen Unterschied macht, ob die Bewertung durch einen Mann oder eine Frau erfolgte. Sowohl Männer als auch Frauen gingen gleichermaßen davon aus, dass eine weibliche Führungskraft geringere soziale Kompetenzen hat als eine männliche Führungskraft.

Außerdem zeigte sich, dass nicht nur weibliche Führungskräfte, sondern auch weibliche Autoritätspersonen (z.B. Ärztinnen und Polizistinnen) von Backlash betroffen sind.

Doch wie kommt es zu dieser negativen Bewertung? Frauen in Führungspositionen und weibliche Autoritätspersonen haben eines gemeinsam: Sie arbeiten in Berufen bzw. Positionen, die mit bestimmten Eigenschaften verknüpft sind.

Das sind Merkmale wie Durchsetzungsfähigkeit, Stärke, Dominanz, Kompetenz, Wettbewerbsorientierung – um nur ein paar davon zu nennen.

Geschlechtsuntypisches Verhalten

All diese Merkmale werden typischerweise mit dem männlichen Geschlecht verbunden. Und der Kopf oder das Unterbewusstsein zieht einfach folgenden Schluss: Eine Frau, die sich männlich verhält, kann keine richtige (= typische) Frau sein. Die typisch weiblichen Merkmale, also das soziale und fürsorgliche werden ihr dann abgesprochen.

Dieser Effekt lässt sich übrigens durch Zusatzinformationen abmildern: So wird z.B. eine weibliche Führungskraft ohne Kinder negativer bewertet hinsichtlich ihrer sozialen Fähigkeiten als eine weibliche Führungskraft mit Kindern. Letztere hat quasi durch das Merkmal „Mutterschaft“ automatisch ein Plus an Sozialkompetenz bewiesen.

Rollenkonflikte

Ein weiteres Problem ist, dass es bei einer weiblichen Führungskraft zu einem Rollenkonflikt kommt. Die Rolle einer Führungskraft passt (aufgrund der damit verbundenen Eigenschaften) nicht zur Rolle einer traditionellen Frau, deswegen entstehen bei weiblichen Führungskräften in der Außenwirkung Widersprüche, sie können als unrund, nicht harmonisch, abweichend oder schlicht (zu) männlich wahrgenommen werden.

Sind nur Frauen vom Backlash Effekt betroffen?

Doch der Backlash Effekt betrifft nicht nur Frauen. Es werden auch Männer bestraft, wenn sie sich geschlechtsuntypisch verhalten oder in geschlechtsuntypischen Berufen tätig sind.

Um auf das eingangs erwähnte Beispiel des männlichen Erziehers zurückzukommen: Der Erzieher wird zwar als besonders sozial oder warm wahrgenommen, aber gleichzeitig könnte die Vermutung aufkommen, dass er nicht besonders kompetent ist, oder dass er (zu) sanft oder ganz einfach schwach ist.

Backlash betrifft Männer übrigens nicht nur, wenn sie in „Frauenberufen“ arbeiten, sondern auch, wenn sie (eine längere) Elternzeit nehmen möchten (mehr dazu im Artikel Elternzeit Vater – Leidet die Karriere?).

Die eigenen Ansichten hinterfragen

Wenn ich mir die ganzen Erkenntnisse der Forschung ansehe, muss ich mir eines eingestehen: Auch ich habe ziemlich ausgeprägte (und zum Teil unbewusste) Vorstellungen davon, was typisch männlich oder typisch weiblich ist (was nicht zu verwechseln ist mit der Vorstellung darüber, wie Männer und Frauen sein sollten, das steht auf einem anderen Blatt).

Auch ich tendiere dazu, Frauen in Führungspositionen etwas „härter“ und vor allem kritischer wahrzunehmen, als ich das bei einer männlichen Führungskraft tun würde. Und bei Erziehern nehme ich auch erst mal an, dass sie weichherziger und so überhaupt nicht dominant sind.

Doch inzwischen frage ich mich immer häufiger: Ist mein Bild gerechtfertigt? Sind die Personen wirklich so, wie ich sie wahrnehme, oder sehe ich sie vielleicht zu sehr durch meine blau-rosa gefärbte Geschlechter-Brille? Würde ich die Person genauso wahrnehmen, wenn sie das andere Geschlecht hätte?

Sicherlich gibt es Ausnahmen, aber in den meisten Fällen komme ich zu dem Schluss, dass mich meine unbewussten Annahmen wohl eher in die Irre führen. Was ich aber wichtig finde ist, sich über diese Prozesse im Klaren zu sein. Wenn ich meine automatisch aktivierten Bilder im zweiten Schritt kritisch hinterfrage, ist das zumindest ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Habt ihr andere Menschen schon mal negativer wahrgenommen, weil sie nicht dem typischen Männer- oder Frauenbild entsprachen? Oder musstet ihr selbst schon feststellen, dass andere euch abwerten, weil ihr nicht typisch Mann oder typisch Frau seid? Ich freue mich über eure Kommentare!

Literatur & Links

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https://de.in-mind.org/article/der-frauen-leid-der-maenner-freud-geschlechtsstereotype-im-fuehrungskontext

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