Bindungstypen bei Erwachsenen

Bindungstypen bei Erwachsenen

Die Bindungstheorie von Bowlby (1969/1982) ist ein Meilenstein der Entwicklungspsychologie. Auf Grundlage dieser Theorie und mit Hilfe des Fremde-Situations-Tests (Ainsworth, Blehar, Waters & Wall, 1978) konnte gezeigt werden, dass sich die kindliche Bindung in vier verschiedene Bindungstypen unterteilen lässt: sichere, unsicher-vermeidende, unischer-ambivalente und desorganisierte Bindung.

Doch Bindung prägt uns Menschen nicht nur im Kindesalter. Auch als Erwachsene beeinflussen die frühen Bindungserfahrungen unser Erleben und Handeln im Alltag, z.B. in Freundschaften oder Partnerschaften. Aber sind die Bindungstypen bei Erwachsenen die gleichen wie bei Kindern? Mit dieser Frage beschäftigt sich der folgende Artikel.

Die 3 Bindungstypen bei Erwachsenen

Hazan und Shaver (1987, 1990) gehörten zu den Ersten, die sich mit dem Thema Bindung bei Erwachsenen beschäftigten. Sie untersuchten die Bindungsstile von Erwachsenen in romantischen Beziehungen und fanden heraus, dass es drei verschiedene Bindungstypen gibt:

  1. Sichere Bindung
  2. (Unsicher-)Vermeidende Bindung
  3. (Unsicher-)Ängstliche Bindung

Jeder Bindungsstil ist mit unterschiedlichen Merkmalen verbunden, die hier erläutert werden:

1. Sicherer Bindungsstil

Sicher gebundene Menschen finden es leicht, Nähe zu anderen Personen aufzubauen und diese auch auszuhalten. Sie befinden sich häufig in einer stabilen, langjährigen Partnerschaft und diese Partnerschaft wird von ihnen als emotional unterstützend empfunden. Etwa 55% aller Menschen lassen sich dem sicheren Bindungsstil zuordnen [1].

Menschen mit sicherem Bindungsstil haben ein positives Selbstbild sowie ein positives Bild von anderen Personen [2]. Auch die eigenen Eltern werden von sicher gebundenen Menschen als warm und positiv wahrgenommen [3]. Sie gehen mit der Einstellung durchs Leben, dass die Welt ihnen nichts Böses will und haben selten Zweifel daran, dass sie selbst auch gut genug sind. Diese Einstellung führt auch dazu, dass ihnen bessere soziale Fähigkeiten zugeschrieben werden [4].

Außerdem sind sie durch einen hohen Selbstwert, viel Offenheit für neue Erfahrungen und einen internalen Locus of Control (LoC) gekennzeichnet [5]. LoC bezieht sich auf die Einschätzung eines Menschen, wie sehr die Geschehnisse im Leben vom eigenen Verhalten (internaler LoC) oder von äußeren Umständen (externaler LoC) abhängen. Sicher gebundene Menschen glaube also daran, dass sie selbst die Dinge kontrollieren können nicht von außen gesteuert sind.

2. Vermeidender Bindungsstil

Vermeidend gebundene Menschen fühlen sich unwohl, wenn sie anderen Personen nahe sind und können anderen auch nur schwer vertrauen. Sie vermeiden Intimität und damit auch tiefergehende soziale Beziehungen. Die eigene Unabhängigkeit wird betont und in der Regel empfinden sie auch keine große emotionale Abhängigkeit vom Partner. Schätzungsweise 25% aller Menschen gelten als vermeidend gebunden [1].

Sie haben ein positives Bild von sich selbst, aber ein negatives Bild von anderen Menschen [2]. Von den eigenen Eltern haben sie eher ein kühles, ablehnendes Bild vor Augen [3]. Die negative Sicht auf anderen Menschen ist auch der Grund, warum sie insgesamt eher misstrauisch durchs Lebens gehen und sich nur schlecht auf andere einlassen können.

Vermeidend gebundene Menschen haben einen geringen Selbstwert und einen externalen Locus of Control. Sie glauben also oft, dass ihr Leben und die Ereignisse, die ihnen widerfahren, nicht von ihnen selbst, sondern vom Glück/Zufall oder von machtvollen Anderen abhängen. Außerdem zeigen sie häufiger Verhaltensweisen, die mit Neurotizismus, also einer gewissen emotionalen Labilität in Verbindung stehen (z.B. Nervosität, Reizbarkeit, Unsicherheit, dauerhafte Unzufriedenheit) [5].

3. Ängstlicher Bindungsstil

Ängstlich gebundene Menschen sorgen sich eher, dass andere sich nicht für sie interessieren bzw. dass sie von anderen nicht (genug) geliebt werden. Bei Zurückweisung durch den Partner werden die Bemühungen, also die Investitionen in die Beziehung, oft noch verstärkt. Häufig werden sie in Partnerschaften von Außenstehenden als anhänglich wahrgenommen. Etwa 20% aller Menschen sind ängstlich gebunden [1].

Sie haben ein negatives Selbstbild sowie ein positives Bild von Anderen verinnerlicht [2]. In Bezug auf die eigenen Eltern haben sie eher ein gemischtes Bild vor Augen, d.h. sie sehen die Eltern sowohl in einem positiven als auch einem negativen Licht [3]. Die Ausprägungen des Selbst- und Fremdbilds von ängstlich gebundenen Menschen führen dazu, dass sie andere Menschen eher idealisieren und gleichzeitig sich selbst als unzureichend wahrnehmen.

Auch ängstlich gebundene Menschen haben einen geringen Selbstwert und einen externalen Locus of Control. Sie denken also auch, dass Lebensereignisse eher von externalen als von internalen Faktoren, also den eigenen Bemühungen, abhängen. Neben einer größeren emotionalen Labilität zeigt sich bei ihnen auch ein häufigeres Auftreten von Depressionen [5, 6].

Bindung als zwei- oder eindimensionales Konstrukt

Neuere Studien gehen von einem zweidimensionalem Bindungskonstrukt aus. Dabei sind Vermeidung und Ängstlichkeit die beiden Dimensionen, die entweder gering oder stark ausgeprägt sein können [7]. Durch die Kombination der Ausprägungen ergeben sich die gleichen Bindungsstile wie oben genannt, aber es kommt noch ein Bindungsstil hinzu, der durch viel Vermeidung und viel Ängstlichkeit geprägt ist.

Bei Menschen im höheren Erwachsenenalter geht man sogar davon aus, dass Bindung nur noch ein eindimensionales Konstrukt ist. Die ängstliche Komponente geht im Laufe des Lebens immer weiter zurück, sodass irgendwann nur noch zwischen sicher gebundenen und vermeidend gebundenen Menschen unterschieden werden kann [8].

Fazit

Je nach Klassifizierung kann man zwischen 3 oder 4 Bindungstypen im Erwachsenenalter unterscheiden. Unabhängig davon, für welche Klassifizierung man sich am Ende entscheidet. spricht man beim Thema Bindungsstile jedoch immer von den gleichen Kategorien: Sicherheit, Vermeidung und Ängstlichkeit.

Wenn man sieht, welche Merkmale mit den einzelnen Bindugsstilen in Zusammenhang stehen, fällt es leichter, Geschehnisse und Verhaltensweisen z.B. innerhalb einer Partnerschaft zu verstehen. Auch wird es mit diesem Wissen möglich, den eigenen Verhaltensweisen auf den Grund zu gehen und an ihnen zu arbeiten, z.B. im Rahmen von therapeutischen Prozessen.

Wie ist das bei euch? Könnt ihr euch einem der drei Bindungsstile zuordnen? Ich freue mich über eure Kommentare!

Literatur & Links

Ainsworth, M. D., Blehar, M., Waters, E., & Wall, S. (1978). Patterns of attachment: A psychological study of the strange situation. Lawrence Erlbaum.

Bowlby, J. (1969/1982). Attachment and loss. New York: Basic Books.

[1] Shaver, P. R., & Hazan, C. (1993). Adult romantic attachment: Theory and evidence. In D. Perlman & W. Jones (Eds.), Advances in personal relationships, pp. 29-70. London: Jessica Kingsley.

[2] Bartholomew, K., & Horowitz, L. M. (1991). Attachment styles among young adults: a test of a four-category model. Journal of personality and social psychology, 61, 226.

[3] Bringle, R. G., & Bagby, G. J. (1992). Self-esteem and perceived quality of romantic and family relationships in young adults. Journal of Research in Personality, 264, 340-356.

[4] Allen, J. P., Marsh, P., McFarland, C., McElhaney, K. B., Land, D. J., Jodl, K. M., & Peck, S. (2002). Attachment and autonomy as predictors of the development of social skills and delinquency during midadolescence. Journal of consulting and clinical psychology, 70, 56.

[5] Mickelson, K. D., Kessler, R. C., & Shaver, P. R. (1997). Adult attachment in a nationally representative sample. Journal of personality and social psychology, 73, 1092.

[6] Pettem, O., West, M., Mahoney, A., & Keller, A. (1993). Depression and attachment problems. Journal of Psychiatry and Neuroscience, 18, 78-81.

[7] Brennan, K. A., Clark, C. L., & Shaver, P. R. (1998). Self-report measurement of adult attachment: An integrative overview. In J. A. Simpson & W. S. Rholes (Eds.), Attachment theory and close relationships (pp. 46–76). New York: The Guilford Press.

[8] Waldinger, R. J., Cohen, S., Schulz, M. S., & Crowell, J. A. (2015). Security of attachment to spouses in late life: Concurrent and prospective links with cognitive and emotional well-being. Clinical Psychological Science, 3, 516-529.

https://www.familienhandbuch.de/familie-leben/partnerschaft/gelingend/bindunginpartnerschaften.php

https://www.eric-hegmann.de/blog/coaching/bindungsverhalten-und-bindungsprobleme/


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