Elternzeit Vater: Leidet die Karriere?

Elternzeit Vater Karriere

Wenn ich mich so umsehe, stelle ich immer wieder fest, dass Väter in dem Jahr nach der Geburt ihres Kindes (genau) zwei Monate Elternzeit nehmen. In der Regel nicht mehr, eher sogar weniger, sprich dass Väter auch mal ganz auf die Elternzeit verzichten. In diesem Artikel zeige ich euch, inwiefern die Karriere darunter leiden kann, wenn die Elternzeit vom Vater mehr als zwei Monate beträgt.

Finanzielle und berufliche Gründe

Es kann natürlich ganz einfach finanzielle Gründe haben, wenn Väter auf Elternzeit verzichten oder sie nur kurz in Anspruch nehmen. Das ist vermutlich sehr oft der Fall. Denn wenn er der Hauptverdiener ist, macht sich eine Reduzierung des Einkommens deutlich bemerkbar. Doch es gibt einen anderen Grund, der zu den finanziellen Einbußen noch hinzukommen kann. Nämlich der, dass Elternzeit für Väter ein regelrechter Karrierekiller sein kann. Dann führt die Elternzeit nämlich nicht nur zu kurzfristigen, sondern auch langfristigen finanziellen Einschnitten. Es gibt Unternehmenskulturen, in denen es nicht erwünscht ist, dass sich die männlichen Führungskräfte mit Babykram beschäftigen. Und auch Freunde, Bekannte oder Nachbarn schauen ungläubig, wenn der Vater mehr als zwei Monate mit seinem Nachwuchs verbringen möchte.

Rollenbilder in unserer Gesellschaft

Woran liegt das? Der Grund dafür ist, dass für Männer und Frauen unterschiedliche Rollenbilder gelten. Der Mann gilt in unserer Gesellschaft immer noch als der (finanzielle) Versorger und ihm werden typischerweise Merkmale wie Kompetenz, Durchsetzungsvermögen oder Führungsstärke zugewiesen (mehr dazu findet ihr im Artikel „Geschlechterstereotype – Theorien und Modelle“). Der Frau wiederum wird eine Rolle zugeschrieben, in der sie sich um andere kümmert, sie umsorgt. Typisch weibliche Stärken sind daher Wärme, Fürsorge und Kommunikation. Diese Rollenverteilungen sind nicht nur in den westlichen Industrienationen, sondern in nahezu allen Kulturen der Erde gültig. In patriarchalischen Gesellschaften, in denen der Mann traditionell das Familienoberhaupt ist, sind diese Rollenverteilungen noch stärker verankert.

Bestrafung durch Backlash

Aber inwiefern können diese Rollenbilder negative Auswirkungen auf uns haben? Nun, es ist leider so, dass Menschen dafür „bestraft“ werden, wenn sie nicht den geschlechtsspezifischen Erwartungen entsprechen (mehr dazu auch im Artikel „Backlash Effekt und Geschlechterstereotype“). Väter, die eine längere Elternzeit nehmen, scheinen besonders viel Wärme und Fürsorge zu zeigen. Und damit betreten sie typisch weibliches Terrain. Diese Väter werden von Außenstehenden dann zwar auf der einen Seite als sehr sozial und fürsorglich wahrgenommen, jedoch auf der anderen Seite als weniger kompetent, durchsetzungsfähig oder führungsstark.

Und genau hier liegt das Problem: Wenn ein Vater mehr als zwei Monate Elternzeit nimmt, führt das nicht selten dazu, dass er im Berufsleben regelrecht abgestraft wird dafür. Bestrafungen können in diesem Fall ausbleibende Beförderungen, keine neuen oder keine anspruchsvolleren Tätigkeiten und natürlich auch direkte, abwertende Kommentare von Kollegen oder Vorgesetzten sein.

Die Unternehmenskultur

In der Regel ist es ja so, dass man weiß, welche Kultur im eigenen Unternehmen bzw. in der Abteilung herrscht: Sind traditionelle Rollenbilder wichtig? Oder sind Vorgesetzte und Kollegen offen für Lebenskonzepte, die nicht den gängigen Vorstellungen entsprechen? Je offener das Unternehmen ist und je weniger es an traditionellen Rollenbildern festhält, umso höher sind die Chancen, dass Mitarbeiter für geschlechtsuntypisches Verhalten nicht (oder zumindest weniger) bestraft werden.

Welche Optionen gibt es?

Was kann man(n) also tun, wenn es um die Planung der väterlichen Elternzeit geht? Wenn man weiß, dass der Arbeitgeber einigermaßen tolerant ist, fällt die Entscheidung vermutlich leichter. Dann kommt es vor allem auf die familiären Rahmenbedingungen an. Weiß man aber schon im Voraus, das das berufliche Umfeld eher skeptisch bis abwertend reagieren wird, ist die Entscheidung schon schwieriger. Soll man das Risiko eingehen, dass es nach der Elternzeit mit der Karriere bergab geht? Wer diese Frage für sich mit einem Nein beantwortet, der sollte sich dann aber auch kritisch fragen: will ich in einem Unternehmen Karriere machen, das so wenig Verständnis dafür zeigt, dass man Zeit mit seinem Nachwuchs verbringen möchte? Bei dem die Arbeitsleistung und Produktivität über dem Wohlbefinden des Einzelnen stehen?

Fazit

Ich würde mir wünschen, dass sich mehr und mehr Männer entscheiden, nicht nur die weit verbreiteten zwei Vätermonate zu nehmen. Je mehr Väter sich trauen, klassische Rollenbilder aufzuweichen, umso mehr wird sich das berufliche, aber auch das private Umfeld an diese Veränderungen gewöhnen. Dass es zukünftig die Regel ist, dass Elternzeiten gleichmäßig auf Mutter und Vater aufgeteilt werden, ist unwahrscheinlich. Aber es wäre schön, wenn sich die Zahlen weiter annähern. Außerdem sollte die Inanspruchnahme von Elternzeit für Väter so normal sein, dass niemand mehr Angst vor dem Karriereknick haben muss. Unsere Babys würden sich darüber freuen!

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Hattet ihr Sorge, dass eure Karriere darunter leiden würde? Oder habt ihr selbst eine längere Elternzeit genommen und es hat sich vielleicht sogar positiv ausgewirkt auf den Karriereverlauf? Ich freue mich über eure Kommentare!

Literatur

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