Sexuelle Gewalt Täterstrategien (Teil 1/2)

sexuelle gewalt täterstrategien

Wenn man von sexueller Gewalt spricht, haben viele Menschen das Bild von einer Vergewaltigung durch einen Fremden vor Augen. Das liegt zum einen daran, dass diese Form von sexueller Gewalt aufgrund der medialen Berichterstattung viel Aufmerksamkeit erlangt. Zum anderen ist es aber auch so, dass viele Menschen nicht wissen, in welchen Kontexten sich sexuelle Gewalt überhaupt abspielt. Denn bei den meisten Taten stammen die Täter aus dem nahen oder weiteren familiären Umfeld der Betroffenen, sind also keine Fremden. So auch bei sexueller Gewalt, die sich gegen Kinder richtet.

Wichtig ist, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder in den allermeisten Fällen nicht zufällig entsteht – die Taten sind vielmehr von langer Hand geplant. Welche Täterstrategien bei sexueller Gewalt gegen Kinder relevant sind, erfahrt ihr in diesem Artikel. Mit dem Wissen über Täterstrategien mag es dem einen oder anderen leichter fallen, entsprechende Verhaltensweisen zu erkennen, aber auch seine eigenen oder andere Kinder mit entsprechenden Gegenmaßnahmen vor sexueller Gewalt zu schützen.

Sexuelle Gewalt Täterstrategien

Täter verfolgen mit ihren Täterstrategien im Groben drei verschiedene Ziele: Zum einen wird die Umwelt manipuliert, damit Außenstehende nicht auf die Taten aufmerksam werden und eingreifen können. Dann wird das Kind manipuliert, indem es wehrlos und gefügig gemacht wird. Zuletzt werden auch die engsten Vertrauenspersonen des Kindes manipuliert, damit diese im Hinblick auf die eigene Wahrnehmung verunsichert werden und mögliche Hinweise des Kindes übersehen. Dazu sind eine Reihe von Vorgehensweisen erforderlich:

1. Gezielte Kontaktaufnahme zu potentiellen Opfern

Wenn der Missbrauch außerhalb der Familie stattfindet, nehmen Täter gezielt Kontakt zu ihren potentiellen Opfern auf. Folgende Vorgehensweisen kommen dafür in Frage:

  • Täter informieren sich über die Gesamtsituation des Kindes: Freunde, Vorlieben und Abneigungen, aber auch Gewohnheiten, Wünsche und Ängste werden erkundet. Mit diesem Wissen können die Täter das Kind nicht nur zu sexuellen Handlungen, sondern auch zur Geheimhaltung des Missbrauchs zwingen.
  • Täter halten sich an Orten auf, an denen üblicherweise viele Kinder anzutreffen sind (Schulen, Einkaufszentren, Schwimmbäder, Spielplätze etc.).
  • Täter freunden sich mit der Familie des Kindes an und bieten ihre Unterstützung an (z.B. als Babysitter oder Nachhilfelehrer).
  • Täter freunden sich im Internet mit dem Kind an und verabreden sich dann in der realten Welt.
  • Täter üben Hobbys aus, die Kinder interessant finden.
  • Täter gehen gezielt einer ehrenamtlichen oder hauptberuflichen pädagogischen, medizinischen oder therapeutischen Tätigkeit nach, um leichter mit Kindern in Kontakt zu kommen.
  • Täter suchen sich gezielt Parterinnen aus, die ein geringes Selbstwertgefühl oder sehr traditionelle Weiblichkeits- bzw. Geschlechterstereotype verinnerlicht haben. Diese Frauen tendieren dazu, weniger für ihre eigenen Rechte und Interessen einzustehen und sind infolgedessen weniger in der Lage, ihr Kind vor sexueller Gewalt zu schützen.
  • Täter suchen sich gezielt alleinerziehende Mütter als Partnerin aus.
  • Täter suchen sich ihre Opfer im Bereich der Prostitution, hier vor allem auch im Rahmen des “Sextourismus”: Vor allem in Entwicklungsländern ist es für Täter relativ ungefährlich, Kinder sexuell auszubeuten, da im Ausland verübte Taten oft sehr schwer nachzuweisen sind.

2. Auswahl des Opfers

Es gibt Kinder, die einem höheren Risiko für sexuelle Gewalt ausgesetzt sind. Doch nach welchen Kriterien wählen Täter ihr Opfer aus?

  • Je verletzlicher das Kind und je weniger widerstandsfähig es ist, umso größer ist die Gefahr, dass es Opfer von sexueller Gewalt wird. Täter erkennen sehr gut, welche Kinder besonders viel Mangel an Liebe, Zuwendung oder Anerkennung haben und nutzen diesen Umstand aus.
  • Wenn das Thema Sexualität im Umfeld des Kindes (Familie, Schule) mit Scham behaftet ist oder tabuisiert wird, kann das Kind leichter zum Opfer werden. Diese Kinder können kaum einsortieren, was mit ihnen geschieht und können sich schlechter gegen sexuelle Gewalt wehren als Kinder, die eine autonomieorientierte Sexualerziehung erlebt haben.
  • Wenn ein Kind autoritär erzogen wird und lernt, dass man Erwachsenen nicht widersprechen darf, kann es sich weniger wehren bzw. gehorcht einfach, wenn es sexuelle Gewalt erfährt.
  • Ein Kind, das bereits Erfahrungen mit sexueller Gewalt gemacht hat, hat ein höheres Risiko, wiederholt Opfer zu werden. Manche Täter suchen gezielt nach solchen Kindern, da diese mitunter leichter zu sexuellen Handlungen gedrängt werden können.
  • Ein Gewaltklima innerhalb der Familie gilt als Risikofaktor, weil das Kind dadurch so eingeschüchtert wird, dass es sich weniger wehren kann.
  • Wenn das Kind zu Hause emotional vernachlässigt wird, kann es leichter Opfer von sexueller Gewalt werden. Die Täter nutzen hierbei gezielt die Sehnsucht des Kindes nach Liebe, Wärme und Zuwendung aus.
  • Wenn das Kind keine positiven männlichen Bezugspersonen hat. Diese Rolle versucht dann der Täter zu übernehmen.
  • Wenn das Kind noch sehr jung ist. Wenn es Opfer wird, glaubt man ihm noch weniger als älteren Kindern.
  • Wenn das Kind in ärmlicheren Verhältnissen lebt. Der Täter beschenkt das Kind oder unternimmt schöne Ausflüge mit ihm. Damit bindet der Täter das Kind an sich, da dieses ihn nicht “verraten” will.

3. Desensibilisierung des Opfers im Hinblick auf körperliche Berührungen

Täter prüfen mit wiederholten sexuellen Grenzüberschreitungen (“Testrituale”) die Widerstandsfähigkeit des Kindes. Die Grenzüberschreitungen gehen immer weiter, werden aber gleichzeitig als “normal” abgetan. Diese “Testrituale” dienen auch dazu, das Kind in Bezug auf Berührungen systematisch zu desensibilisieren. Außerdem findet dadurch eine schleichende Sexualisierung der Beziehung zwischen Täter und Opfer statt.

Beispiele für “Testrituale”:

  • Bewertung der körperlichen Entwicklung bzw. Attraktivität des Kindes
  • Voyeurismus und Exhibitionismus (z.B. absichtlich nackt herumlaufen in der Anwesenheit des Kindes)
  • Körperliche Aktivitäten (Baden, Kuscheln, Kitzeln, Zauber-, Tobe- und Doktorspiele), bei denen “zufällig” die Genitalien des Kindes berührt werden
  • Sexuelle Handlungen, zu denen ein Kind unter dem Vorwand wie z.B. Pflege oder Aufklärung gedrängt wird

Kinder, die bei diesen “Testritualen” protestieren bzw. sich wehren, sind für Täter keine geeigneten Opfer!

4. Die Wahrnehmung der Umwelt vernebeln

Ein wichtiger Baustein für die Umsetzung der Taten ist die Täuschung der Umwelt. Im Grunde genommen versuchen Täter, ein derart positives Bild über sich zu generieren, dass Außenstehende es für unmöglich halten, dass dieser “gute” Mensch sexuelle Gewalttaten ausüben könnte. Je besser der Ruf eines Täters innerhalb der Gemeinschaft ist, umso größer ist die Gefahr, dass sexuelle Gewalt nicht aufgedeckt wird.

Folgende Methoden setzen Täter ein, um sich beliebt zu machen:

  • sie versuchen, sympathisch zu sein
  • sie bieten verschiedene “Freundschaftsdienste” an (z.B. Babysitten, Reparaturarbeiten)
  • sie beschenken die Familie oder helfen in der Not mit Geld aus
  • sie sind betont fürsorglich oder als sehr kinderliebt bekannt

Das tückische an diesen Strategien ist, dass es der Umwelt daraufhin umso schwerer fällt, eine Person der sexuellen Gewalt zu verdächtigen. Getreu dem Motto: “Wenn jemand so viel Gutes tut, kann man doch nicht so undankbar sein und so schlecht über ihn denken!”

Doch es ist nicht nur Teil der Strategie, sich einen guten Ruf zu schaffen. Auch das gezielte Engagement z.B. im Bereich des Kinderschutzes kann als perfekte Maske dienen, um die Umwelt zu täuschen. Genauso ist es für Autoritätspersonen (Ärzte, Therapeuten, Geistliche) leichter, dass sexuelle Gewalt unentdeckt bleibt. Denn auch sie genießen weithin ein hohes Ansehen, dass mit dem Bild des bösen Täters nicht übereinstimmt.

Vorgehen von Vätern / Stiefvätern, die ihre Kinder missbrauchen:

Wenn es innerhalb der Familie ein Machtgefälle zwischen (Stief-)Vater und Mutter gibt, wird das von Vätern gezielt ausgenutzt. Väter versuchen dabei systematisch, einen Keil in die Beziehung zwischen Mutter und Kind zu schlagen. Folgemdermaßen gehen sie vor:

  • sie machen das Kind zum Komplizen (z.B. durch Geschenke oder besonders viel Aufmerksamkeit). Damit soll das Kind zur Geheimhaltung gebracht werden (denn wenn es den Vater verrät, bekommt es diese “Vorzugsbehandlung” nicht mehr)
  • die Frau wird vom Vater in ihrer Rolle als Mutter und Partnerin abgewertet (“Du kommst als Mutter nicht mal mit den Kindern klar, ich habe einen viel besseren Draht zu ihnen!” oder “Seit du Kinder hast, bist du überhaupt nicht mehr attraktiv!”)
  • während die Mutter abgewertet wird, wird das Kind emotional / materiell aufgewertet (“Papas Liebling” darf mit dem Vater etwas unternehmen, die Mutter wird ausgeschlossen)
  • manche Väter geben der Tochter das Gefühl, dass sie stolz sein können auf ihre besondere Rolle (und dass sie “besser” ist als ihre Mutter). Oft wird die Tochter wie eine erwachsene Frau oder wie eine Geliebte behandelt.
  • Väter fördern die Konkurrenz zwischen Mutter und Tochter. Dann kann der Vater der Mutter vorwerfen, dass sie “ungerechtfertigt” eifersüchtig sei (“Furchtbar, du bist eifersüchtig auf deine Tochter, nur weil sie sich mit ihrem Vater gut versteht!”)
  • Väter beschneiden die sozialen Kontakte der Mutter und machen die Mutter im Bekannten-/Verwandtenkreis schlecht (“Meiner Frau geht es psychisch gerade nicht gut, ich mache mir große Sorgen.”)

Mütter merken zwar, dass etwas nicht stimmt, können die Geschehnisse aber nicht einordnen. Sie zweifeln an sich, trauen ihren Sinnen nicht mehr, geben sich die Verantwortung für die Probleme des Kindes und haben Versagensgefühle, weil sie scheinbar mit ihrem eigenen Kind nicht klar kommen.

Wenn Töchter missbraucht werden, dann schieben die Väter die Verantwortung für die Taten sowohl auf die Mutter als auch die Tochter. Väter tun dann so, als ob sie bei so einer “gefühlskalten, frigiden” Partnerin und dieser “verführerischen” Tochter keine andere Wahl gehabt hätten.

5. Die “Verführung” des Opfers

Täter spielen ihren Opfern Anerkennung und Wertschätzung vor, damit diese ihnen vertrauen. Dabei tun sie so, als würden sie den Kindern Schutz und Liebe bieten und versuchen häufig, sich als guten Freund des Kindes zu inszenieren. Ganz gezielt vermitteln Täter dem Kind das Gefühl, dass kein anderer Mensch so viel Verständnis hat, oder dass der Täter mit niemand anderem so gut reden kann wie mit dem Kind (“Nur du kannst mich verstehen… Wenn ich dich nicht hätte!”). Damit geben Täter auch ihre Verantwortung für die Taten ab, denn sie sind ja nach ihrer eigenen Darstellung so hilflos, dass sie gar nicht anders können.

Wenn Täterinnen männliche Jugendliche sexuell ausbeuten, dann erfolgt das oft unter dem Deckmantel des “Heranführens an die Sexualität”. Männliche Opfer sehen sich dann mitunter in der Rolle des “Eroberers”, oder zumindest als gleichwertigen Partner. Es ist für sie noch schwieriger, überhaupt zu erkennen, dass ihre Erfahrungen der sexuellen Gewalt zugeordnet werden müssen.

(Zwischen-)Fazit

Das ist nur der erste Teil, und dennoch sehen wir hier eine Menge an zielgerichteten Täterstrategien im Rahmen von sexueller Gewalt gegen Kinder. Das macht einmal mehr deutlich, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder kein zufälliges Ereignis ist, sondern von langer Hand geplant ist. Die restlichen Strategien, die sich vor allem auf die Manipulation des Kindes beziehen, werden im nächsten Artikel erläuert.

Literatur & Links

Enders, U. (1996). Zart war ich, bitter war’s: Handbuch gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Jungen. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

https://www.schulische-gewaltpraevention.de/index.php/handbuecher-gewaltpraevention/handbuch-grundschule/lernfelder-und-ansatzpunkte/gewaltsituationen/sexualisierte-gewalt/289-taeterstrategien

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