Unerzogen – Das Gegenstück zu sämtlichen Erziehungsstilen?

Nachdem ich mir für die Artikelserie Erziehungsstile nach Baumrind die Finger wund geschrieben hatte, stieß ich in den sozialen Netzwerken auf einen ganz anderen Ansatz zum Thema Erziehung: Unerzogen.

Unerzogen? Nein, es geht hier nicht um unerzogen im Sinne von nicht gehorsam oder frech. Gemeint ist viel mehr, dass bei der Methode Unerzogen keine Erziehung des Kindes stattfindet.

Ganz neu ist dieser Ansatz nicht, denn unter dem Namen “Antipädagogik” tauchte das Thema in Deutschland bereits im Jahre 1975 auf, als Ekkehard von Braunmühl sein gleichnamiges Buch veröffentlichte. Ich verstehe die Antipädagogik-Bewegung als Grundlage des heutigen Unerzogen-Ansatzes.

Während ich also lang und breit auf diesem Blog darüber geschrieben hatte, welcher Erziehungsstil denn nun der beste fürs Kind ist, war man in den sozialen Netzwerken schon ein Stück weiter.

In einer Facebook-Gruppe zum Thema Unerzogen fand ich dann den ersten Einstieg ins Thema. Für alle Neulinge wurde dort ein Artikel vom Kinderrechtsprojekt K.R.Ä.T.Z.Ä. empfohlen, den ich hier ebenfalls verlinkt habe.

Da der Artikel ziemlich lang ist, werde ich euch die Kernbotschaften im Folgenden vorstellen. Anschließend erfahrt ihr noch, welche Gedanken mir anschließend zum Thema Unerzogen gekommen sind und wie meine ersten Erfahrungen mit diesem Ansatz aussahen.

Wodurch ist Unerzogen bzw. Antipädagogik gekennzeichnet?

Nun, grundsätzlich geht es bei Unerzogen um die Ablehnung jeglicher Form von Erziehung. Das Ziel von Unerzogen bzw. Antipädagogik ist es, komplett auf Erziehungsmaßnahmen zu verzichten. Stattdessen soll ein gleichberechtigtes Verhältnis zwischen Eltern und Kind gelebt werden.

Folgende Annahmen liegen dem Unerzogen- bzw. Antipädagogik-Ansatz laut dem Kinderrechtsprojekt K.R.Ä.T.Z.Ä. zugrunde:

1. Erziehung erfolgt mit der Absicht, einen (jungen) Menschen zu formen

Deswegen findet Erziehung nicht auf natürlichem Weg statt, sondern nur dann, wenn einer (der Erzieher) meint, sich über jemand Anderes (den Erzogenen) erheben zu müssen.

Außerdem haben Erzieher eine Vorstellung davon, wie das Kind sein soll. Damit das Kind dieses Ziel erreicht, muss es ihrer Ansicht nach entsprechend geformt werden.

Erziehung ist somit immer hierarchisch, es gibt ein Oben und ein Unten. Das Kind hat zwar genau wie Erwachsene ein Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung, erfährt durch Erziehung jedoch permanente Fremdbestimmung.

2. Erziehung ist respektlos und manipulativ

Erziehung geht wie gesagt davon aus, dass Kinder erst noch geformt werden müssen, dass sie unvollständig sind. Das Kind wird als Mensch nicht respektiert – es muss durch Erziehung erst noch so verändert werden, dass die positiven Eigenschaften gefördert und die negativen Eigenschaften unterdrückt werden.

Aus dem gleichen Grund ist Erziehung auch manipulativ. Erzieher manipulieren das Kind, damit es am Ende so ist, wie der Erzieher es anstrebt. Sämtliche Erziehungsansätze sind daher mit den Werten von Freiheit und Demokratie nicht vereinbar.

3. Kinder lernen durch Erziehen vor allem die Regeln des Erziehens

Was lernen Kinder, wenn sie erzogen werden? Sie lernen, dass sie machen müssen, was der Erzieher ihnen sagt. Oder dass im Zweifel (bzw. Konflikt) der Erzieher die Entscheidung trifft, notfallls auch gegen den Willen des Kindes.

Kinder wachsen letzendlich in dem Glauben auf, dass Erziehung ein notwendiger Bestandteil der Eltern-Kind-Beziehung ist. Wenn sie älter sind, geben sie die Regeln des Erziehens an ihre eigenen Kinder weiter, sodass der Kreislauf des Erziehens nie endet.

4. Das Argument “Kinder brauchen Grenzen!” und warum es problematisch ist

Brauchen Kinder Grenzen? Die Einen (autoritativ oder autoritär Erziehende) sagen ja, die anderen (nachgiebig, laissez-faire oder antiautoritär Erziehende) sagen nein.

Doch das Problem ist, dass beide Seiten zwei Arten von Grenzen über einen Kamm scheren, die unterschiedliche Ziele verfolgen: defensive und aggressive Grenzen.

Defensive Grenzen sind dazu da, die eigenen Grenzen aufzuzeigen. Sie schützen also den, der sie äußert (“Ich möchte jetzt kein Eis essen gehen, weil ich sehr müde bin”). Defensive Grenzen sind mit dem Verständnis von Gleichberechtigung vereinbar.

Aggressive Grenzen dienen dazu, den Anderen in seine Grenzen zu verweisen. Damit soll das Kind “geschützt werden”, diese Grenzen sind nur zu “seinem besten” gedacht (“Von zu viel Eis gehen deine Zähne kaputt”). Bei Erziehung werden stets aggressive Grenzen gesetzt.

Bei defensiven Grenzen geht es also um Recht bzw. Gerechtigkeit. Aggressive Grenzen haben jedoch immer etwas mit Macht zu tun.

5. Kann (muss) man Kinder mit Verboten schützen?

Es gibt durchaus Situationen, in denen das Kind geschützt (und ggf. gerettet) werden muss, z.B. wenn das Kleinkind auf die Straße rennt. Wenn dem Kind in diesem Moment Unterstützung angeboten wird oder es nach der Rettung über die Gefahr aufgeklärt wird, steht das nicht im Widerspruch zu einer gleichberechtigten Beziehung.

Verbote im Allgemeinen sind jedoch nicht wirksam. Kinder probieren die entsprechende Dinge eben dann aus, wenn sie alleine sind. Insofern führen Verbote unter Umständen dazu, dass die gefährlichen Dinge erst recht ausgeübt weden.

Zielführender ist es, Kindern Hilfestellungen anzubieten und miteinander ins Gespräch zu gehen. So, wie man das auch mit älteren Menschen tun würde, die nicht mehr alleine in der Lage sind, bestimmte Tätigkeiten auszuführen.

Aber auch Erziehung an sich (also gezielte Lenkung in alltäglichen Situationen) führt oft dazu, dass das Kind genau das Gegenteil macht, was von ihm gefordert wird. Denn nur dadurch kann das Kind seine Autonomie bewahren und zeigen, dass es gerade eigenständig handelt.

Werden Informationen sachlich und ohne Zwang vermittelt, gibt es für das Kind jedoch keinen Grund, Gegenwehr zu leisten.

6. Man benötigt keine Erziehung, um Werte zu vermitteln

Werte erlernt ein Kind, indem es sie im täglichen Miteinander erfährt und vorgelebt bekommt. Nicht, indem die Werte von oben herab dirigiert und dem Kind eintrichtert werden.

Außerdem gibt es einen Widerspruch zwischen dem Erziehungsbegriff und der Vermittlung von Werten wie Gewaltfreiheit und Toleranz. Denn wenn das Kind in eine bestimmte Richtung hin erzogen wird, ist das bereits eine Form von Gewalt und Intoleranz gegenüber dem Kind.

7. Hilfe bei der Umsetzung des Unerzogen-Ansatzes

Falls Erwachsene in einer Situation nicht sicher sind, ob sie gerade nach dem Prinzip der Gleichberechtigung handeln, gibt es eine Hilfestellung. Sie können sich fragen, wie sie sich verhalten würden, wenn ihr Gegenüber kein Kind, sondern ein Freund wäre. Würden sie mit diesem genauso umgehen?

Das ist übrigens der gleiche Ansatz, den Jesper Juul in seinem Buch Das kompetente Kind vorschlägt. Und ich finde diesen Tipp in der Praxis sehr hilfreich, auch wenn es manche Situationen nicht automatisch einfacher macht.

Unerzogen – Erste Gedanken und Erfahrungen

Mein erster Gedanke nach dem Lesen dieses Grundsatztextes war: finde ich gut! Die Argumentation der Bewegung war für mich plausibel und überzeugend. Die Frage ist ja nur immer, wie sich die vielen guten Ideen, die man im Internet findet, in der Praxis umsetzen lassen.

Eines konnte ich aber sofort feststellen: Eine gewisse Tendenz in die Richtung “weniger erziehen” hatte sich bei mir in den letzten Monaten schon von selbst eingeschlichen.

Da hatte es bereits Situationen gegeben, in denen ich an der Sinnhaftigkeit meines lenkenden Verhaltens gezweifelt hatte. Muss es z.B. sein, dass ich ein Kind dazu “überrede”, sich in einer sozialen Situation so zu verhalten, wie es gesellschaftlich erwünscht ist? Und ich dem Kind damit vermittle, dass es nicht “richtig” ist, wie es gerade fühlt und sich verhält?

Ich kam zu dem Schluss, dass es da auch andere Möglichkeiten geben muss. Welche, die dem Kind mehr Selbstbestimmung geben und ihm weniger vorschreiben, wie es denken und fühlen soll.

Beim nächsten, vergleichbaren Zwischenfall, habe ich dann bewusst nicht (erzieherisch) eingegriffen – und fühlte mich im Nachhinein sehr bestätigt darin, dass das für mich und mein Kind ein guter Weg gewesen war. Rückblickend war das für mich eine der ersten bewussten Amtshandlungen im Sinne des Unerzogen-Ansatzes 😉

Aber: Die alltäglichen Situationen, in denen Erziehung erforderlich scheint, sind ja sehr unterschiedlich. Manche gehen auch ohne lenkendes Einwirken ganz leicht von der Hand und sind mit Ruhe und Empathie schnell gelöst. Andere Situationen bringen einen vielleicht zur Verzweiflung. Und damit kommen wir zur ersten Grundsatzfrage, die sich mir zum Unerzogen-Ansatz stellt.

1. Frage: Was, wenn der Unerzogen-Ansatz vollends ausgelebt wird ?

Was passiert, wenn man den Unerzogen-Ansatz immer weiter spinnt? Ein beliebtes, stark nachgefragtes Thema rund ums Kind betrifft das Schlafengehen. Immer wieder kommt es hier zu Konflikten, weil Eltern und Kinder unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie, wann, wo oder ob überhaupt geschlafen werden soll.

Wenn man jetzt nach Unerzogen handelt, darf das Kind frei entscheiden, wann es schlafen geht. Soweit, so gut. Aber was ist mit dem nächsten Morgen? Das Aufwecken ist ja eine ähnliche erzieherische Maßnahme wie das zu-Bett-bringen. Also lassen wir das dann auch weg? Damit das Kind selbstbestimmt entscheiden kann, wann es aufstehen will? Hmmm, da sehe ich schon neue Probleme auf mich zurollen..

Keine Kita, keine Schule, keine Arbeit?

Wenn es sich um ein jüngeres Kind handelt, möchte es dann vielleicht nicht in die Kita gehen. Blöd nur, wenn die Eltern arbeiten gehen müssen. Bei älteren Kindern ist die Versorgung und Betreung des Kindes weniger das Problem. Das Kind muss aufstehen, weil es in die Schule muss.

Selbst wenn es die Schulpflicht in Deutschland nicht gäbe, könnte ich das als möglichen Weg akzeptieren? Dass (m)ein Kind zu Hause bzw. privat beschult wird? Würde das Kind in der Zukunft einen Job finden? Oder steht es damit sowieso schon mit einem Fuß außerhalb des gesellschaftlichen Sytems?

Ihr merkt vielleicht, homeschooling ist nicht mein Spezialgebiet. Vielleicht sind die Konsquenzen halb so wild, wenn man sich damit ernsthaft auseinandersetzt (Beispiele und Anregungen sind herzlich willkommen!).

Ich merke aber, dass ich trotz meiner Kritik das konventionelle gesellschaftliche Leben auch schätze. Es ist bequem, es funkioniert, auch wenn ich hin und wieder alles in Frage stelle. Deswegen steht für mich fest, dass Schule und Arbeit (gegen Geld) im Großen und Ganzen für mich zum Leben dazu gehören.

Wenn sich mein Kind später (also nach der Schule) für einen anderen Weg entscheiden sollte, ist das (hoffentlich) für mich in Ordnung. Aber ich will nicht diejenige sein, die es schon von vornherein auf diesen Weg schickt. Das ist dann nämlich auch eine Form von Lenkung bzw. Formung. Und zwar nicht unerheblich, finde ich.

Man muss nicht 100% übernehmen, damit die Sache gut wird

Am Ende des Tages muss man ja gute Ideen nicht immer zu 100% übernehmen. Es reichen vielleicht auch 90%, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Bisher bin ich ganz gut damit gefahren, mir immer das Beste, also die für mich wertvollen Informationen, aus verschiedenen Ansätzen herauszupicken.

Insofern finde ich die Idee von Unerzogen immer noch überzeugend. Es wird weiterhin Situationen geben, in denen ich erziehend wirke. Aber mein Kind wird hoffentlich von meinem neuen Verhaltensweisen profitieren, wenn ich in den vielen kleinen alltäglichen Situationen weniger bis gar nicht mehr erziehend eingreife. Soweit die Theorie! 😉

2. Frage: Was, wenn zwischen den Bedürfnissen kein Kompromiss möglich scheint?

Weiter oben hatten wir schon gesehen, dass es bei Unerzogen nicht nur um die Grenzen des Kindes, sondern auch um die Grenzen der Eltern geht. Genauso verhält es sich mit den Bedürfnissen. Beide Seiten haben Bedürfnisse, die miteinander in Einklang gebracht werden müssen.

Kinder und Eltern haben teils unterschiedliche Bedürfnisse

Wir bleiben mal bei dem Beispiel des Schlafengehens. Wenn sich der Tag dem Ende neigt, habe ich das Bedürfnis nach Ruhe. Das Bedürfnis, die Füße hochzulegen, mich mit meinem Mann zu unterhalten, ohne dass das Kind permanent an der Unterhaltung teilnehmen will. Oder einfach das Bedürfnis, Dinge zu tun, die nichts mit Mama-sein zu tun haben.

Die Bedürfnisse meines Kindes sehen anders aus. Es möchte nicht alleine sein, möchte weiter am familiären Leben teilhaben. Ein häufiger Kompromiss ist dann der, dass sich ein Elternteil mit ins Bett legt und wartet, bis das Kind eingeschlafen ist.

Kompromisse lassen sich mal leichter, mal schwieriger finden

Selbst dieser Kompromiss führt schon dazu, dass sich das kleine bisschen Freizeit, was man so hat, reduziert. Wenn ich Pech habe, schlafe ich mit ein. Wenns mal länger dauert, kann ich kurz danach selbst ins Bett gehen. Es kostet mich also schon einiges an Überwindung, diesen Kompromiss überhaupt einzugehen.

Nun hat aber jeder von uns auch mal anstrengende Tage. Mir sind dann meine Bedürfnisse besonders wichtig, umgekehrt kann es meinem Kind natürlich genauso gehen. Ich möchte dann besonders schnell oder besonders viel Zeit für mich haben, mein Kind möchte dann besonders viel Nähe und Kontakt haben.

Das sind die Situationen, in denen sich bei uns immer wieder Erziehung einschleicht. Manchmal subtil, denn mein Mann kennt einige Tricks, um das Kind zum Schlafen zu bewegen 😉 Andere sind offensichtlicher (mir fehlt die Geduld) und führen dann auch mal zu emotionalen, lautstarken Diskussionen. Was wiederum weit weg ist vom Unerzogen-Ansatz.

3. Frage: Ist Erziehung immer Gewalt? Ist jede Erziehungsmaßnahme per se schädlich?

Hier kommen wir zum interessantesten Punkt. Denn es heißt ja, Erziehung ist eine Form von Macht und damit auch Gewalt. Erziehung ist schlecht, weil wir damit über jemand anderes bestimmen. Und das immer, zu jeder Zeit, ohne Diskussion.

Ich finde diese Definition von Gewalt schon sehr subtil, um nicht zu sagen philosophischer Natur. Denn dann ist auch alles andere im Leben Gewalt. Zum Beispiel mein Job, weil er mich zwingt, morgens aufzustehen. Weil ich dort nicht einfach drauf losarbeiten kann, sondern mich an die Regeln der Organsiation halten muss.

Überhaupt, wäre dann nicht alles Gewalt, was der freien Entfaltung entgegensteht? Ich übe Gewalt aus, wenn ich meinen Mann zum Eis essen gehen überrede. Er übt Gewalt aus, wenn er mich daran erinnert, dass ich endlich meine Unterlagen abschicken muss. Wir alle erleben Gewalt, wenn wir in den Supermarkt gehen und uns anstellen müssen, statt einfach den ersten Platz in der Schlange einzunehmen.

Und ist das nun alles automatisch schlecht? Ich denke nicht. Das soziale Miteinander, ja das ganze gesellschaftliche System basiert darauf, dass bestimmte Regeln eingehalten werden. Und ich finde, für Erziehung darf das Gleiche gelten.

Wenn mein Kind drei Eis gegessen hat und ich es dazu bringe, auf das vierte zu verzichten, empfinde ich das nicht als Gewalt. Genauso denke ich, dass es unzählige weitere alltägliche Situationen gibt, in denen es legitim ist, ein Kind (oder einen Erwachsenen) zu lenken. Und das alles, ohne dass uns gleich ein Gefühl von schlechter Elternschaft beschleicht.

Fazit

Um es auf den Punkt zu bringen: Es gibt Momente, in denen ich nicht nicht-erziehen kann. Wenn ich in erzieherische Muster zurückfalle, weil ich mir nicht besser zu helfen weiß. Oder in Situationen, in denen ich selbst zu gestresst bin, um mit ausreichend Ruhe und Besonnenheit zu handeln. Genauso gibt es Situationen, in denen ich per Definition zwar erziehe und lenke, aber es eben nicht als schlecht oder gewalttätig empfinde.

Es ist manchmal schwer, Dinge anders zu machen, denn es erfordert ein Umdenken. Und auch wenn ich keine 100%ige Verfechterin des Unerzogen-Ansatzes bin, will ich mehr darauf achten, wie und wann ich mein Kind lenke und erziehe. Um mich dann zu fragen, ob das überhaupt erforderlich ist. Aber eben immer mit der Option, es am Ende doch zu tun, ohne mich dabei schlecht fühlen zu müssen.

Wenn genug Zeit vergangen ist, wird es vielleicht noch einen Praxis-Bericht zum Thema Unerzogen geben: 100 alltägliche Situationen, in denen Unerzogen (k)eine gute Option ist. Oder so ähnlich.

Was sagt die Forschung?

Die antipädagogische Bewegung hat sich Mitte der 70er Jahre formiert, und zwar als Kritik an allen bestehenden pädagogischen Ansätzen. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Es scheint, als wäre die Forschung dazu eingeschlafen.

Zwar gab es kritische Stimmen, die sich mit dem Thema vertieft auseinandergesetzt hatten. Die sind allerdings schon mehrere Jahrzehnte alt. Und Studien dazu, wie sich antipädagogisches Verhalten auf die Kinder auswirkt? Fehlanzeige.

Mir scheint es, als würde das Thema erst jetzt wieder an Attraktivität gewinnen. Vielleicht, weil Eltern sich zunehmend fragen, ob das, was uns in Sachen Erziehung vorgelebt wurde, wirklich das Wahre ist.

Oder weil überhaupt alle Aussagen, ob sie nun von Privatpersonen oder Institutionen stammen, in der heutigen Zeit nicht mehr blind übernommen, sondern mehr und mehr kritisch hinterfragt werden.

Was sagen die Antipädagogen?

Wie wirkt sich Unerzogen bzw. Antipädagogik auf unsere Kinder aus, wie würde sich die Gesellschaft dadurch verändern? Die Vertreter des Kinderrechtsprojekts K.R.Ä.T.Z.Ä. nehmen dazu Stellung:

Ein flächendeckender Verzicht auf Erziehung würde sicher nicht ohne Auswirkung auf die Gesellschaft bleiben. Wir nehmen an, daß die Gewaltbereitschaft abnimmt, denn Menschen, die Gleichberechtigung erleben, werden vermutlich auch die Rechte und Freiheiten anderer zu schätzen wissen. Die bisher in Machtkämpfen gebundene Energie, würde frei werden für schönere Dinge und das Lösen bisher vernachlässigter Probleme.

Ich würde mich freuen, wenn es tatsächlich so wäre. Dann müsste man nur wieder genügend Menschen auf den Weg bringen, die diese Methode versuchen zu leben.

Welche Kritik gibt es am Unerzogen-Ansatz?

Eine Kritik, die sich zum Unerzogen- bzw. Antipädagogik-Ansatz findet, lautet: auch Antipädagogik ist eine Pädagogik. Auch wenn ich nicht bewusst auf das Kind einwirke, wirke ich dennoch ein. So im Sinne von “Man kann nicht nicht kommunizieren”, kann man auch “nicht nicht erziehen/lenken/formen”.

Für mich ist das eher eine abstrakte, philosophische Kritik. Was mich in meiner Elternschaft interessiert ist: Wie baue ich eine gute Beziehung zu meinem Kind auf? Wie muss ich mich verhalten, damit mein Kind ein zufriedener, glücklicher Mensch wird? Wo muss ich an mir selbst arbeiten, um alte Kommunikations- und Verhaltensweisen zu überwinden, die nicht förderlich sind?

Schaffen wir mit Unerzogen viele kleine Monster?

Andere Autoren werden da schon konkreter. So finden sich hier Aussagen darüber, dass der “antipädagogische Erziehungsstil” meist schief gehen würde:

“[…] wird oft festgestellt, dass viele Kinder bei denen Bildungs- und „Social-Skills“-Defizite bestehen, oft nur eine unzureichende – oft sogar eine antipädagogische – Erziehung (gewollt von den Eltern oder eher unbewusst) genossen haben. Die PISA-Studien sind dafür ein Beleg unter vielen.”

Nun ja, belegt werden diese und weitere Behauptungen von der Autorin leider nicht, und auch die PISA-Studien können nicht als Beleg gelten. Denn dort werden Erziehungsstile (sowie Unerzogen/Antipädagogik) nicht als mögliche Determinanten von Leistung berücksichtigt.

Daher kann man auch nicht schlussfolgern (sondern nur behaupten), dass sich global verschlechternde Schulleistungen auf einen bestimmten Erziehungsstil zurückführen lassen.

Antipädagogisches Elternverhalten wurde, soweit ich das erkennen kann, einfach noch nicht systematisch untersucht. Insofern kann man auch keine (evidenzbasierten) Aussagen darüber treffen, ob dieses Verhalten nun “gut” oder “schlecht” für unsere Kinder und unsere Gesellschaft ist.

Am Ende des Tages…

…ist es, wie so oft, eine Einstellungssache. Außerdem eine ganz persönliche Entscheidung, denn (nicht-)Erziehung ist ein sensibles Thema, eines, zu dem es unterschiedliche Meinungen gibt und geben darf.

Ich finde, man muss nicht alles schwarz oder weiß sehen, es gibt nie nur den einen richtigen Weg. Es mag gute Gründe geben, warum Eltern sich entscheiden, in bestimmten Situationen zu erziehen oder eben nicht zu erziehen. Und ich will mich auch davon frei machen, in irgendeinem Bereich in meinem Leben Perfektion anstreben zu müssen. Funktioniert nicht! Und selbst wenn, wäre das bestimmt auch wieder nicht gut.

Letztendlich finde ich es schön, wenn man im Leben auch für die Positionen und Meinungen der “Anderen” offen ist. Und nicht mit aller Macht versucht, den Gesprächspartner von der Richtigkeit des eigenen Handelns zu überzeugen. Man kann es ja genauso gut vorleben – stößt es auf Interesse beim Gegenüber, wird er sich womöglich von ganz allein darüber informieren wollen.

Literatur & Links

Oelkers, J., & Lehmann, T. (1990). Antipädagogik: Herausforderung und Kritik. Beltz.

Von Braunmühl, E. (2006). Antipädagogik: Studien zur Abschaffung der Erziehung. Weinheim: Beltz.

https://www.pedocs.de/volltexte/2019/14338/pdf/ZfPaed_1985_1_Winkler_Ueber_das_Paedagogische.pdf

http://www.antipaedagogik.de/

https://www.grin.com/document/71153

https://familienleicht.de/warum-unerzogen-kein-erziehungsstil-ist/

https://www.focus.de/familie/eltern/familie-heute/kinder-nicht-erziehen-was-experten-sagen-wenn-eltern-sich-weigern_id_10182106.html

https://mamaaempf.com/2018/08/09/unerzogen-nervt/

https://frauenpanorama.de/unerzogen-leben-traumtaenzerische-erziehungsstile-schuld-an-deutschlands-bildungsdesaster/

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