Von der Trotzphase zur Autonomiephase

trotzphase

Wie sich moderne Elternschaft in der Sprache niederschlägt

In den sozialen Medien liest man es immer häufiger, in aktuelleren Erziehungsratgebern steht es auch: Man spricht heutzutage nicht mehr von der Trotzphase, sondern nennt es Autonomiephase.

Worin der Unterschied besteht und wie sich das Verständnis von Elternschaft auf die Sprache auswirkt, das erfährst du hier.

“Trotzphase” und Elternschaft

Der Begriff Trotzphase stammt aus einer Zeit, in der die Familienhierarchie klar geregelt war. Die Eltern haben das Sagen und die Kinder haben die Regeln zu befolgen. Es handelt sich also um ein Wertesystem, in dem es keine gleichwürdige Eltern-Kind Beziehung gibt, keine Kommunikation auf Augenhöhe. Eine Zeit, in der die Meinung und die Gedanken von Kindern nicht besonders viel zählen, weil man vielleicht meint, dass Kinder noch keine “fertigen” Menschen sind.

In solch einem Wertesystem ist es für Eltern ziemlich anstrengend, wenn das Kind mit ca. 18 Monaten plötzlich einen eigenen Willen entwickelt. Und wenn es infolgedessen nicht das tun möchte bzw. sich so verhalten will, wie es der Erwachsene erwartet, dann spricht man von einem trotzigen Kind.

Das Wort trotzig ist negativ und abwertend, und es lässt das Kind in einem schlechten Licht erscheinen. Denn es wirkt, als würde es sich falsch verhalten, als würde es einen Fehler begehen mit seinem Verhalten. Und, als würde es das mit Absicht tun. Mit dem Begriff “Trotzphase” kann der Erwachsene seine Autorität aufrechterhalten und auch begründen, warum mit dem Kind in einer bestimmten Weise umgegangen wird. Denn das Kind ist ja dasjenige, das falsches handelt, und das zur Vernunft gebracht werden muss.

Moderne Erziehung und das Konzept der Gleichwürdigkeit

Moderne Erziehungsmethoden, oder treffender formuliert Eltern-Kind-Beziehungen beruhen jedoch auf einem “neuen” Wertesystem, auf einer anderen Sicht aufs Kind. Das Kind wird als gleichwürdig betrachtet, als ein vollwertiger Mensch, der berechtigte Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse hat. Ein früher Verfechter dieses Ansatzes war Jesper Juul, der eine neue Sicht auf Erziehungsmethoden geliefert hat.

Gleichwürdig heißt nicht, dass das Kind “verwöhnt” wird oder dass es nach Belieben eigene Regeln aufstellt. Es bedeutet, dass Eltern versuchen, ihrem Kind zuzuhören, es zu achten und zu respektieren. Ein Kind hat nicht die Reife eines Erwachsenen. Aber die Konsequenz daraus kann nicht lauten, dass Eltern automatisch mehr Macht haben und frei über das Kind bestimmen können.

Wie würden wir uns verhalten, wenn es um ältere, gebrechliche Menschen geht? Sprechen wir ihnen auch ab, vollwertige Menschen zu sein, weil sie körperlich nicht mehr in der Lage sind, sich ohne Hilfe im Alltag zurechtzufinden? Nein, wir würden diese Menschen leiten, ihnen Hilfe anbieten. Und genau das sollten wir mit unseren Kindern auch tun.

Kinder sind Menschen, die mit einer “fertigen” Persönlichkeit geboren werden und die schon als Baby ihr individuelles Temperament zeigen. Kinder, die im Laufe ihrer Entwicklung ganz unterschiedliche Bedürfnisse haben, denen aber eines gemein ist: der Wunsch nach Liebe auf der einen, aber auch nach Autonomie und Freiheit auf der anderen Seite. Und die von Eltern eine Kommunikation, einen Umgang auf Augenhöhe verdienen.

“Autonomiephase” und Elternschaft

Eltern, die ihrem Kind auf Augenhöhe begegnen, hinterfragen den Begriff “Trotzphase”. Sie erkennen an, dass es ein natürliches und wichtiges Bedürfnis des Kindes ist, wenn es Autonomie entwickelt, also selbständiger werden will. Es ist also nichts schlechtes und es muss daher auch nicht abgewertet werden.

“Autonomiephase” beschreibt auf ganz neutrale Art und Weise die Erfahrungen, die nahezu alle Eltern machen: starke Emotionen, wenn das Kind seine Selbständigkeit etablieren möchte. Es ist aber auch ein Wort, das zeigt, dass sich Eltern und ihre Erziehungsmethoden weiter entwickeln.

War es vor einigen Jahrzehnten noch gang und gäbe, dass Kinder autoritär erzogen werden, so setzt sich heute mehr und mehr eine Erziehung durch, in der Bindung und Bedürfnisorientierung im Vordergrund stehen. Und in dem Maße, in dem Eltern mehr auf die Bedürfnisse der Kinder achten und Kinder als vollwertige Menschen betrachten, verändert sich auch die Sprache.

Fazit

“Autonomiephase” ist ein Ausdruck dafür, dass sich das Verständnis von Elternschaft gewandelt hat. Dass Kinder mehr und mehr als gleichwürdig betrachtet werden, und dass Eltern auf eine kooperative Eltern-Kind-Beziehung setzen.

Bei den Menschen sollte das Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass Sprache und Denken bzw. Einstellungen miteinander verbunden sind. Wenn man andere Ausdrucksformen wählt, führt das zu einer neuen Sicht auf die Dinge. Und genauso führt eine andere Sicht auf die Dinge mehr oder weniger zwangsläufig dazu, dass man auch seine sprachlichen Ausdrucksformen anpasst (Stichwort: Gendern).

Es ist sicher schwierig, etablierte Begriffe wie den der “Trotzphase” zu überwinden. Aber es würde einen Beitrag dazu leisten, dass Kinder in unserer Gesellschaft nicht mehr als unfertig betrachtet werden.

Wie geht ihr mit diesen Begrifflichkeiten um? Ist das sprachliche Haarspalterei oder ein bedeutungsvoller Ansatz? Wir freuen uns über eure Kommentare!

Links

https://geborgen-wachsen.de/tag/autonomiephase/

Ein Kommentar

  1. Liebe Mady,
    ich begegne (erschreckenderweise) noch immer und immer wieder Eltern, die die Wut ihrer Kinder als “Trotzen”, “Zicken”, “Nörgeln” abtun. Dabei ist es ein so kraftvolles und wichtiges Gefühl. Auch wenn es hin und wieder schwierig sein kann, damit umzugehen.
    Danke, dass du den Unterschied zwischen Trotz- und Autonomiephase so wunderbar klar herausgearbeitet hast.
    Herzlichen Gruß
    Anja von STADT LAND WELTentdecker

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