Wissenschaft und Wahrheitsanspruch

Wissenschaft Wahrheitsanspruch

Es gibt ein paar Punkte, die ihr beim Lesen der Artikel immer im Hinterkopf behalten solltet. Denn auch die Wissenschaft hat ihre Grenzen. Die Kernbotschaft lautet, dass die Wahrheit nicht in Stein gemeißelt wurde, wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse verkündet werden. Das Wissenschaft und Wahrheitsanspruch nicht identisch sein müssen, liegt unter anderem an folgenden Gründen:

  1. Es gibt so viele Wahrheiten, wie es Menschen gibt
  2. Der State-of-the-Art muss nicht ewig gelten
  3. Forschung ist ein Prozess, in dem es Spielräume gibt
  4. Es werden üblicherweise Durchschnittswerte berichtet
  5. Manche Studien werden durch Dritte finanziert (und sind daher weniger neutral )

1. Es gibt so viele Wahrheiten, wie es Menschen gibt

Jeder von uns lebt in seiner eigenen (Erfahrungs-)Welt. Die Menschen machen unterschiedliche Lebenserfahrungen, kein Lebensverlauf gleicht dem anderen. Wenn z.B. jemand empfindlich auf Koffein reagiert und von sich behauptet, dadurch nicht oder schlechter schlafen zu können, dann entspricht das der individuellen Wahrheit dieser Person.

Andere sagen vielleicht, dass das Quatsch sei und dass sie selbst um 22 Uhr noch Kaffee trinken könnten. Wenn aber jemand nachts wachliegt und sich an den späten Kaffee zurückerinnert, dann kann auch keine Studie helfen, die sagt, dass der Durchschnitt der Menschen Koffein problemlos verträgt.

Die individuellen Erfahrungen sehen anders aus, und darauf sollte man sich verlassen. Die Gefahr besteht nämlich, dass man sich zu sehr auf die Ergebnisse von wissenschaftlichen Studien verlässt und dabei vergisst, dass diese nicht für alle gelten müssen.

2. Der State-of-The-Art muss nicht ewig gelten

Was wir heute als aktuellen Stand der Forschung ansehen, wird von unseren Nachfahren in 20 oder 30 Jahren möglicherweise müde belächelt. Zuckerersatzstoffe z.B. galten als die Innovation, bis man ein paar Jahrzehnte später herausgefunden hat, dass sie eben doch nicht so gesund sind, wie viele zunächst gedacht haben.

Gerade bei neueren Untersuchungsthemen sollte man vorsichtig sein mit Verallgemeinerungen. Denn ist es gut möglich, dass sich das übergreifende Bild nach ein paar Jahren oder Jahrzehnten ändert. Das ist auch plausibel, denn es braucht Zeit, bis ein neues Thema umfassend erforscht ist.

3. Forschung ist ein Prozess, in dem es Spielräume gibt

Und zwar betrifft das die Frage, mit welchen Menschen bzw. Gruppen von Menschen ich meine Experimente oder Befragungen durchführe, die Auswahl der Methoden, die für die Untersuchung eingesetzt werden, aber vor allem die Möglichkeiten, die sich bei der Datenauswertung ergeben. Es gibt in der Regel nicht den einen richtigen Weg, den man im Forschungsprozess gehen kann. Häufig gibt es unterschiedliche Wege, die dann auch zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.

Das geht (in Ausnahmefällen) leider auch so weit, dass Ergebnisse gezielt verfälscht werden, um ein bestimmtes Ergebnis herbeizuführen. Aber selbst unter zwei Forschern, die sich beide an die Regeln halten und die nach bestem Wissen und Gewissen ihre Arbeit ausführen, kann ein und derselbe Datensatz zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Das hängt davon ab, welche Entscheidungen die Forschenden im Prozess treffen. Ganz konkret kann es z.B. sein, dass die Entscheidung, welche Personen von der Datenauswertung ausgeschlossen werden, zu unterschiedlichen Ergebnissen führt. Oder die Auswahl und (korrekte!) Anwendung von statistischen Verfahren.

Letztendlich können aber auch identische Resultate zu unterschiedlichen Interpretationen der Forscher führen. Denn die wissenschaftliche Literatur dient zwar als Grundlage für die Interpretation und Bewertung von Studienergebnissen. Aber am Ende fließt auch hier immer ein gewisser Anteil an individueller Erfahrung aus der Lebenswelt des Forschers mit ein.

4. Es werden üblicherweise Durchschnittswerte berichtet

Bei psychologischen Umfragen oder Experimenten geht es häufig darum zu zeigen, welchen Einfluss der Faktor X auf ein bestimmtes Phänomen hat oder inwiefern sich zwei oder mehr Gruppen voneinander unterscheiden. Am Beispiel von Gruppenvergleichen lässt sich gut erklären, wie das Ganze wirkt.

Nehmen wir als Grundlage zwei Gruppen von Müttern. Gruppe A erhält in den ersten Wochen nach der Geburt eines Kindes ein Training zur Verbesserung der Feinfühligkeit. Gruppe B erhält kein Training und macht einfach weiter wie bisher. Im Idealfall sehen wir am Ende der Trainingsphase, dass Gruppe A (die Experimentalgruppe) im Durchschnitt, d.h. über alle Gruppenmitglieder hinweg, höhere Werte in der mütterlichen Feinfühligkeit ausweist als Gruppe B (die Kontrollgruppe).

Hier zeigt sich jetzt deutlich, dass nicht das Ergebnis einer einzelnen Teilnehmerin zählt, sondern lediglich der Durchschnittswert der gesamten Gruppe. Das bedeutet aber auch, dass es Gruppenmitglieder gegeben hat, bei denen das Training besonders gut gewirkt hat, auf der anderen Seite aber auch Personen, die davon überhaupt nicht profitiert haben.

Ergebnisse, die im Durchschnitt gefunden wurden, lassen sich also auch nur auf einen Durchschnittsmenschen übertragen und nicht automatisch auf eine einzelne Person. Deswegen denkt bitte daran: Bei Durchschnittswerten geht ein bestimmter Anteil vom Informationsgehalt verloren. Nämlich die Information darüber, wie stark ein Effekt bei einer einzelnen Person ausfallen kann. Das kann nämlich, wie ihr gesehen habt, mal mehr und mal weniger sein.

5. Manche Studien werden durch Dritte finanziert (und sind daher weniger neutral)

Vielleicht habt ihr schon mal davon gehört: Es gibt Organisationen, Institutionen oder grob gesagt dritte Parteien, die ein (finanzielles) Interesse daran haben, dass eine Studie durchgeführt wird und dass die Ergebnisse in die gewünschte Richtung gehen.

Ein gängiges Beispiel hierfür sind Pharmastudien, die der Hersteller in Auftrag gegeben hat. Die Forschenden sollen nun herausfinden, wie wirksam z.B. ein Medikament ist und welche Nebenwirkungen bei der Verwendung auftreten können. Natürlich hat der Hersteller ein ureigenes Interesse daran, dass das Medikament zukünftig gut verkauft wird…

Das bedeutet, dass man mit der unkritischen Übernahme solcher Studienergebnisse vorsichtig sein sollte, da die Neutralität der Studie vermutlich nicht gegeben oder zumindest eingeschränkt ist. Zum Teil geht die Beeinflussung des Forschungsprozesses soweit, dass Auftraggeber eingreifen, wenn sie erwarten, dass die Ergebnisse nicht in die richtige Richtung gehen.

Da ist es schon vorgekommen, dass Wissenschaftler eingeschüchtert wurden, indem sie Post von Anwälten erhalten haben. Wenn eine Studie finanziell gefördert wurde, steht das meist ganz am Anfang oder ganz am Ende der Studie. Es lohnt sich also, einen kleinen Blick darauf zu werfen.

Fazit

Ihr seht also, dass das Ergebnis einer einzelnen Studie (auch wenn es eine Meta-Analyse ist!) nicht als die eine Wahrheit gehandelt werden sollte. Die Studie kann dazu beitragen, eine Fragestellung besser zu verstehen, und man kann sie natürlich nutzen, um sich ein Bild zu machen und seine persönliche Meinung zu bilden.

Das gilt selbstverständlich auch für die Beiträge, die ich hier veröffentliche. Auch diese Inhalte stellen nicht die eine Wahrheit dar, sie sind ein Gemisch aus meinem (wissenschaftlichen) Know-How, meinen Lebenserfahrungen und meinen Einstellungen.

Es gibt sicherlich Leser, die andere Erfahrungen gemacht haben und mit mir in bestimmten Punkten nicht übereinstimmen. Am Ende tun wir alle gut daran, wenn wir die Informationen, die wir tagtäglich erhalten, nicht einfach übernehmen, sondern mit einem kritischen Auge betrachten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.