Angststörungen bei Kindern

Angststörungen bei Kindern

Wer kennt es nicht? Kinder können vor vielen Dingen Angst haben: Vor der Dunkelheit, vor Hunden oder Spinnen, vor dem Alleinsein, vor Fremden Personen usw. Dass Kinder ängstlich sind, gehört also zunächst einmal zum typischen Entwicklungsverlauf dazu.

Ähnlich wie bei den Regulationsstörungen spricht man erst von einer Angststörung, wenn das Ausmaß der Angst über ein “normales” Maß hinaus geht. Das ist z.B. dann der Fall, wenn

  • die Angst in der jeweiligen Situation extrem stark wird,
  • die Ängste sehr häufig im Alltag auftreten oder
  • der Eindruck entsteht, dass die Angstgefühle außer Kontrolle geraten.

Dann sind die Ängste vielleicht schon so groß, dass sie das Leben des Kindes deutlich einschränken. In diesem Fall würde man von einer behandlungsbedürftigen Angststörung sprechen.

Angststörungen gehören über alle Altersstufen hinweg zu den häufigsten psychischen Störungen [1]. Es macht also durchaus Sinn, dass man sich mal anschaut, wo Angstörungen herkommen und was man dagegen tun kann.

Außerdem treten Angststörungen häufiger bei Mädchen als bei Jungen auf. Das gilt nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene [2, 3]. Verschiedene Studien zeigen, dass etwa 10 % der Kinder und Jugendlichen eine behandlungsbedürftige Angststörung entwickeln. Diese Zahl dient nur als Schätzung, denn je nachdem welche Studie man sich ansieht, werden recht unterschiedliche Zahlen genannt [4].

Aber warum ist es überhaupt ein Problem, noch dazu ein behandlungsbedürftiges, wenn ein Kind eine Angststörung entwickelt? Leider ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich eine Angststörung im Kindesalter bis ins Erwachsenenalter fortsetzt [5]. Außerdem besteht bei unbehandelten Angststörungen ein höheres Risiko, im späteren Leben zusätzlich an einer Depression zu erkranken [6].

Welche Angststörungen werden unterschieden?

Angsstörungen können in unterschiedlichen Formen auftreten [7]:

  • (Spezifische) Phobien: Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen (z.B. Hunden, Gewitter, Fahrstühlen oder lauten Geräuschen).
  • Soziale Ängstlichkeit / Soziale Phobien: Angst in Bezug auf soziale oder Leistungssituationen (z.B. große Angst vor Fremden oder ausgeprägte Unsicherheiten im Umgang mit Gleichaltrigen, sowie die Angst vor der Bewertung durch unbekannte Andere).
  • Störungen mit Trennungsangst: Angst davor, von der Bezugsperson oder der gewohnten Umgebung getrennt zu werden. Frühestens ab einem Alter von 3 Jahren kann hier von einer Angsstörung gesprochen werden.
  • Panikstörungen: Extreme Angstattacken, die spontan und wiederholt auftreten. Die Angstanfälle werden von ausgeprägten körperlichen Symptomen (z.B. Herzklopfen, Atemnot, Schwindel, Schmerzen, Übelkeit, Angst vor Kontrollverlust) begleitet.
  • Generalisierte Angststörungen (GAS): Situationsunabhängige und dauerhafte Angst (z.B. dahingehend, dass etwas Schlimmes passieren könnte). Kinder mit GAS machen sich auch über alltägliche Dinge ständig Sorgen. Begleitende Symptome können Ruhelosigkeit, Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Reizbarkeit, Muskelverspannungen oder Schlafstörungen sein.
  • Agoraphobien (manchmal auch “Platzangst” genannt): Angst vor Situationen oder bestimmten Orten (z.B. öffentlichen Plätzen und Verkehrsmitteln, Kinos, Kaufhäusern oder Menschenmengen).
  • Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS): Eine PTBS ensteht in Folge eines erlebten traumatischen Ereignisses. Sobald sich das Kind an diese Situation erinnert, erlebt es nicht nur intensive psychische Belastung, sondern auch ausgeprägte körperliche Symptome.

Zu den häufigsten Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen von den oben genannten gehören die soziale Phobie, die Trennungsangst und die generalisierte Angststörung.

Was sind die Ursachen für Angststörungen bei Kindern?

Es gibt verschiedene Faktoren, die das Auftreten einer Angststörung begünstigen:

1. (Neuro-)Biologische Faktoren

  • Genetische Veranlagung bzw. familiäre Häufung: Eltern von Kindern mit einer Angststörung haben häufig selbst eine Angststörung [8, 9].
  • Dysfunktionale Gehirnaktivierung: Bei reduzierter Aktivität der Hypophysen-Hypothalamus Nebennierenrinden-Achse [10] oder bei Überaktivität der Amygdala [11]. Eine dysfunktionale Gehirnaktivierung kann dazu führen, dass Kinder in stressigen oder angstauslösenden Situationen schneller und stärker mit köperlichen Symptomen reagieren.
  • Dysfunktionale Neurotransmittersysteme: Angststörungen können auch mit einer veränderten Aktivierung des noradrenergen, serotonergen und dopaminergen Systems zusammenhängen [12].
  • Persönlichkeitsvariablen: Eine ausgeprägte, stabile Verhaltenshemmung (als Teil des kindlichen Temperaments) erhöht das Risiko für eine Angststörung [13].

2. Kognitiv-emotionale Faktoren

  • Kognitive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstile: Stärkerer Fokus des Kindes auf angstauslösende Reize und die Tendenz, mehrdeutige Reize als bedrohlich zu bewerten [14].
  • Verzerrte Informationsverarbeitung: Situationen werden als bedrohlicher bewertet, als sie eigentlich sind. Zudem werden die eigenen Fähigkeiten zur Situationsbewältigung unterschätzt. Infolgedessen werden angstauslösende Situationen gemieden, wodurch die Angst aufrechterhalten oder sogar verstärkt wird [15].

3. Familiäre Faktoren

  • Elterlicher Erziehungsstil: Bei Überbehütung durch die Eltern fällt es dem Kind schwer, eigene Strategien zur Problemlösung zu entwickeln oder beängstigende Situationen zu meistern. Das kann wiederum das Auftreten einer Angststörung begünstigen [15].
  • Modelllernen: Wenn die Eltern selbst sehr ängstlich sind, wirken sie als Modell (Vorbild) für ihr Kind. Dadurch lernt das Kind, dass es normal ist, Angst zu haben [15].

Behandlungsmöglichkeiten

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Angststörungen bei Kindern zu behandeln:

1. Psychoedukation, Elternarbeit / Präventive Ansätze

Wie bei allen auftretenden Schwierigkeiten ist es auch bei kindlichen Angststörungen wichtig, die Eltern in die Behandlung mit einzubeziehen. Im Rahmen einer Elternberatung erhalten die Bezugspersonen Informationen darüber, warum Ängste für die Entwicklung des Kindes wichtig sind. Außerdem lernen die Eltern, wie sie mit den Ängsten des Kindes umgehen können, ohne dass sie diese am Ende noch verstärken [7].

Außerdem gibt es Präventionsprogramme, die speziell für Angststörungen entwickelt wurden [16]. Diese Programme laufen über mehrere Wochen und beinhalten Beratungs- bzw. Trainingssitzungen für eine Bezugsperson des Kindes. Dort lernt die Bezugsperson

  • alles über die Hintergründe zu kindlichen Ängsten
  • wie sie ihrem Kind ihrem Kind helfen können, die Ängste eigenständig zu bewältigen
  • wie sie mit ihren eigenen Ängsten umgehen kann.

Präventionsprogramme sind eine vielversprechende Behandlungsmethode, weil sie frühzeitig zum Einsatz kommen und damit wirken können, bevor sich die ungünstigen Verhaltensweisen fest etabliert haben.

2. Verhaltenstherapie

Ein wichtiges Element der Verhaltenstherapie ist die Exposition. Bei der Exposition wird das Kind mit dem angstauslösenden Reiz konfrontiert. Das Kind lernt dadurch, dass der Reiz nicht so bedrohlich ist wie erwartet und gewöhnt sich mehr und mehr an diesen Reiz. Infolgedessen kann das Kind seine Angst immer weiter reduzieren. Weitere Elemente der Verhaltenstherapie sind

  • Verstärkung: Wenn das Kind es schafft, eine Angst-Situation zu bewältigen, wird es für das gezeigte Verhalten verstärkt.
  • Selbstbeobachtung: Dadurch lernt das Kind, seine Gefühle in den angstauslösenden Situationen wahrzunehmen und zu benennen.
  • Selbstinstruktionen: Das Kind leitet sich in einer bedrohlichen Situation selbst dazu an, die negativen Gedanken und Gefühle zu überwinden
  • Rollenspiele: Zum Erwerb von sozialen- und Problemlösekompetenzen
  • Entspannungstechniken: Zur Reduzierung von Angst [15].

Von den verschiedenen psychotherapeutischen Behandlungsverfahren ist die Verhaltenstherapie das bislang am besten untersuchte Verfahren. Wenn die Angst des Kindes deutlich reduziert wurde oder nicht mehr als belastend wahrgenommen wird, gilt die Therapie häufig als beendet [7].

3. Medikamentöse Therapie

In schweren Fällen kann die Gabe von Psychopharmaka notwendig sein. Das kommt allerdings erst dann in Frage, wenn alle anderen Maßnahmen (Psychoedukation, Psychotherapie) erfolglos waren. In der Praxis kommt eine medikamentöse Behandlung von Angststörungen aber verhältnismäßig selten und nur in Kombination mit therapeutischen Maßnahmen zum Einsatz [7, 15].

Vor allem für Panikstörungen scheint die Kombination von Therapie und Medikamenten effektiv zu sein. Bei sozialen Ängsten oder einer generalisierten Angststörung ist es noch unklar, ob die zusätzliche Gabe von Medikamenten einen Mehrwert in der Behandlung hat [17].

Es gibt allerdings in Deutschland nur wenige Medikamente, die für die Behandlung von Angsterkrankungen im Kindes-und Jugendalter zugelassen sind. Benzodiazepine z.B. kann man kurzzeitig bei Akutfällen einsetzen, es besteht aber ein hohes Abhängigkeitspotential, das man berücksichtigen muss [7].

Fazit

Ängste kommen im Kindes- und Jugendalter recht häufig vor und gehören bis zu einem gewissen Maß zur normalen Entwicklung dazu. Nur weil ein Kind schüchtern ist, heißt das also noch nicht, dass hier eine Behandlung erforderlich ist.

Wenn die Ängste aber das Leben des Kindes deutlich beeinträchtigen oder akute Angstsituationen das Kind belasten, ist es sinnvoll, sich zur weiteren Abklärung professionelle Unterstützung zu suchen.

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Seid ihr selbst betroffen oder kennt ihr Menschen, deren Kind eine Angststörung hat? Ich freue mich über eure Kommentare!

Literatur & Links

[1] Jacobi F, Höfler M, Strehle J., Mack, S., Gerschler, A., Scholl, L., & Maier, W. (2014): Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung: Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland und ihr Zusatzmodul Psychische Gesundheit (DEGS1-MH). Der Nervenarzt 85, 77–87.

[2] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1085614/umfrage/praevalenz-von-depressionen-und-angststoerungen-unter-kindern-nach-geschlecht/ (Zugriff am 17.09.2020)

[3] Jacobi, F., Höfler, M., Strehle, J., Mack, S., Gerschler, A., Scholl, L., & Maier, W. (2014). Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung-Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland und ihr Zusatzmodul Psychische Gesundheit (DEGS1-MH). Nervenarzt, 85, 77-87.

[4] Essau, C.A., Conradt, J., & Reiss, B. (2004). Klassifikation, Epidemiologie und diagnostisches Vorgehen. In: Schneider S (Hrsg.) Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen. Grundlagen und Behandlung, S. 79–102. Heidelberg: Springer.

[5] Pine, D. S., Cohen, P., Gurley, D., Brook, J., & Ma, Y. (1998). The risk for early-adulthood anxiety and depressive disorders in adolescents with anxiety and depressive disorders. Archives of general psychiatry, 55, 56-64.

[6] Van Ameringen, M., Mancini, C., Styan, G., & Donison, D. (1991). Relationship of social phobia with other psychiatric illness. Journal of affective disorders, 21, 93-99.

[7] Walitza, S., & Melfsen, S. (2016). Angststörungen im Kindes-und Jugendalter. Monatsschrift Kinderheilkunde, 164, 278-287.

[8] Last, C. G., Hersen, M., Kazdin, A., Orvaschel, H., & Perrin, S. (1991). Anxiety disorders in children and their families. Archives of General Psychiatry, 48, 928-934.

[9] Lieb, R., Wittchen, H. U., Höfler, M., Fuetsch, M., Stein, M. B., & Merikangas, K. R. (2000). Parental psychopathology, parenting styles, and the risk of social phobia in offspring: a prospective-longitudinal community study. Archives of general psychiatry, 57, 859-866.

[10] Graeff, F. G., & Zangrossi Junior, H. (2010). The hypothalamic-pituitary-adrenal axis in anxiety and panic. Psychology & Neuroscience, 3, 3-8.

[11] Monk, C. S., Telzer, E. H., Mogg, K., Bradley, B. P., Mai, X., Louro, H. M., … & Pine, D. S. (2008). Amygdala and ventrolateral prefrontal cortex activation to masked angry faces in children and adolescents with generalized anxiety disorder. Archives of general psychiatry, 65, 568-576.

[12] Nuss, P. (2015). Anxiety disorders and GABA neurotransmission: a disturbance of modulation. Neuropsychiatric disease and treatment, 11, 165.

[13] Hirshfeld, D. R., Rosenbaum, J. F., Biederman, J., Bolduc, E. A., Faraone, S. V., Snidman, N., & Kagan, J. (1992). Stable behavioral inhibition and its association with anxiety disorder. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 31, 103-111.

[14] Daleiden, E. L., & Vasey, M. W. (1997). An information-processing perspective on childhood anxiety. Clinical Psychology Review, 17, 407-429.

[15] Lohaus, A., Vierhaus, M., & Maass, A. (2019). Entwicklungspsychologie. Berlin: Springer.

[16] Rapee, R. M., & Jacobs, D. (2002). The reduction of temperamental risk for anxiety in withdrawn preschoolers: A pilot study. Behavioural and Cognitive Psychotherapy, 30, 211–215.

[17] Bandelow, B., Seidler-Brandler, U., Becker, A., Wedekind, D., & Rüther, E. (2007). Meta-analysis of randomized controlled comparisons of psychopharmacological and psychological treatments for anxiety disorders. The World Journal of Biological Psychiatry, 8, 175-187.

https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/154e18a8cebe41667ae22665162be21ad726e8b8/Factsheet_Psychiatrie.pdf

https://deximed.de/home/b/kinder-und-jugendpsychiatrie/patienteninformationen/verschiedene-probleme/angststoerungen-bei-kindern-und-jugendlichen/

https://www.psychiatrie.de/psychische-erkrankungen/angststoerungen.html

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