“Das ist der Papa, der darf das” – Warum solche Sätze es erschweren, sexuellen Missbrauch zu erkennen

sexuellen Missbrauch erkennen

Es gibt Situationen, die man nicht so schnell vergisst. So ging es mir, als ich im Gespräch die Aussage “Das ist der Papa, der darf das!” zu hören bekam. Es ist unerheblich, worum es in diesem Gespräch ging oder was der Auslöser dieses Satzes war. Das Problem ist, dass wir uns mit solchen Sätzen verschließen. Wir verschließen uns vor der Möglichkeit, dass auch Menschen, die wir kennen und lieben, Täter sein können. Und verhindern damit, dass wir sexuellen Missbrauch erkennen.

Sexueller Missbrauch von Kindern ist weit verbreitet

Lügde, Münster, Bergisch-Gladbach, – all diese Orte stehen für Fälle von schwerer sexueller Gewalt gegen Kinder aus der jüngeren Vergangenheit. Fälle, die auch wegen der medialen Berichterstattung präsent sind bei den Menschen und den Eindruck erwecken, dass es immer schlimmer zugeht in der Welt. Wir müssen uns aber eines klar machen: Sexuelle Gewalt gegen Kinder kommt in allen Schichten unserer Gesellschaft vor, es gibt sie schon so lange wie die Menschheit alt ist und leider auch viel öfter, als die meisten Menschen denken. Denn das, was wir in den Medien über sexuelle Gewalt gegen Kinder erfahren, ist nur die Spitze des Eisbergs.

Im Jahr 2019 belief sich die Anzahl der polizeilich erfassten Kinder, die Opfer von sexuellem Missbrauch wurden, auf 15701. Diese rund 15000 betroffenen Kinder stellen jedoch nur das “Hellfeld” dar, es handelt sich also nur um die Taten, die auch zur Anzeige gebracht werden. Die Dunkelziffer wird um ein Vielfaches höher geschätzt. Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass in Deutschland etwa jeder siebte bis achte Erwachsene sexuelle Gewalt in der Kindheit und Jugend erfahren hat. Außerdem wird geschätzt, dass ungefähr ein bis zwei Schülerinnen oder Schüler in jeder Schulklasse von sexueller Gewalt betroffenen waren oder sind.

Außerdem kann man es nicht oft genug hervorheben, dass ca. drei Viertel der Taten innerhalb der Familie oder im nahen familiären Umfeld begangen werden. In den meisten Fällen sind es also keine Fremden, die Kindern sexuelle Gewalt antun. Es sind Ehepartner, Nachbarn, Trainer oder andere Kontaktpersonen, die ein Vertrauensverhältnis zum Kind haben.

So schwer es sein mag: Wir müssen uns bewusst machen, dass jeder Einzelne von uns wahrscheinlich im näheren oder entfernten Umfeld ein Kinder kennt, das von sexueller Gewalt betroffen ist. Deswegen ist es auch so wichtig, dass wir dieses Thema ernst nehmen und nicht Menschen als potentielle Täter ausklammern. Genau das passiert, wenn jemand sagt “Das ist der Papa, der darf das!”. In dem Glauben, dass das fürsorgliche Familienmitglied oder auch der beliebte und engagierte Nachbar doch dazu gar nicht in der Lage sei. Damit schränken wir uns in der Fähigkeit ein, sexuelle Gewalt gegen Kinder zu erkennen und entsprechend zu reagieren.

Jede(r) kann potentiell Täter sein!

Auch wenn es hart klingt: Theoretisch kommt jeder als Täter in Frage, auch der eigene Ehepartner oder der beste Freund. Natürlich würde man es von nahestehenden Personen nicht erwarten, oder es ihnen zutrauen. Aber man sollte offen bleiben für die Möglichkeit, dass so etwas theoretisch passieren kann (und es ja bei einigen Menschen tatsächlich auch geschieht!). Eigentlich dürfte man in dieser Hinsicht nicht mal sich selbst trauen. Denn wer weiß, wie unser Gehirn in 10, 15 Jahren tickt?

Das bedeutet natürlich nicht, dass man in Panik verfallen muss und jede Person verdächtigen soll. Andersherum ist es aber auch nicht hilfreich, wenn man felsenfest davon überzeugt ist, dass einzelne Person zu solchen Taten gar nicht in der Lage seien. Denn dann würde man im Falle eines Falles möglicherweise mit einer Mischung aus Verdrängung und nicht-wahrhaben-wollen reagieren und dadurch die Hinweise auf sexuellle Gewalt nicht erkennen.

Was ist mit den Täterinnen?

Wir haben bisher nur von männlichen Tätern gesprochen. Und es ist auch so, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder in ca. 80-90% der Fälle durch Männer ausgeübt wird. Das bedeutet aber auch, dass etwa 10-20% der Taten durch Frauen verübt werden. Sexuelle Gewalt, die von Frauen ausgeht, wird jedoch noch viel seltener erkannt, als das schon bei männlichen Tätern der Fall ist. Denn die gängigen weiblichen Geschlechterstereotype (warm, fürsorglich, freundlich) führen dazu, dass man Frauen solche Taten überhaupt nicht zutraut.

Fazit

Ich sage: Nein, der Papa/Bruder/Opa darf das nicht! Kinder haben ein Recht auf (sexuelle) Selbstbestimmtheit und ein Recht darauf, gewaltfrei hernzuwachsen. Wir müssen uns darin schulen, besser zu erkennnen, wenn diese Grenzen überschritten werden. Egal, wie beliebt oder fürsorglich die Person ist, um die es geht. Ich kann daher nur appellieren, von solchen verallgemeinernden Aussagen oder Gedanken abzusehen.

Was denkt ihr? Seid ihr für das Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder ausreichend sensibilisiert? Hinterlasst uns gerne einen Kommentar!

Literatur & Links

https://beauftragter-missbrauch.de/fileadmin/Content/pdf/Meldungen/2020/05_Mai/11/Pressemappe_PK_PKS_2019.pdf
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/38415/umfrage/sexueller-missbrauch-von-kindern-seit-1999/


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