Bindungstheorie – Die 4 Bindungstypen nach Ainsworth

BIndungstheorie - Kind

Heute gibt es wieder einen Klassiker aus der psychologischen Grundlagenforschung: Die Bindungstheorie bzw. die verschiedenen Bindungstypen, die daraus hervorgehen. Warum ist diese Theorie so bedeutsam? Dafür müssen wir uns erst mal ansehen, worum es bei der Bindungstheorie überhaupt geht.

Bindungsverhalten vs. Bindung

Zunächst müssen wir zwischen den beiden Begriffen Bidungsverhalten und Bindung unterscheiden. Nach Lohaus, Vierhaus und Maass (2015) umfasst Bindungsverhalten alle Verhaltensweisen eines Kindes, um die Nähe der Bezugsperson zu sichern. Bei einem Säugling z.B. können das Blickkontakt, Lächeln oder Weinen sein.

Als Bindung hingegen bezeichnet man das emotionale Band, das zwischen der Bezugsperson und dem Kind besteht. Dieses Band kann unterschiedlich ausgeprägt sein. Außerdem taucht es von der zeitlichen Abfolge her erst später auf: Erst kommt das Bindungsverhalten, dann kann sich die Bindung entwickeln.

Bindungstheorie: Wie entwickelt sich Bindung?

Der Bindungsforscher Bowlby (1969/1982) hat die Bindungsentwicklung in vier Phasen unterteilt. Die verschiedenen Bindungsphasen laufen nacheinander ab und werden hier kurz vorgestellt:

1. Bindungsphase: Vorphase

Die Vorphase umfasst die Zeit von der Geburt bis zur sechsten Lebenswoche. In dieser Phase zeigt der Säugling bei jeder Person Bindungsverhalten, damit seine Bedürfnisse erfüllt werden.

2. Bindungsphase: Phase der entstehenden Bindung

Diese Phase umfasst die Zeit zwischen der sechsten Lebenswoche und dem sechsten bis achten Lebensmonat. Die Reaktionen des Säuglings auf vertraute Personen werden immer spezifischer. Außerdem entwickelt der Säugling spezifische Erwartungen an das Verhalten der Bezugspersonen.

3. Bindungsphase: Phase der ausgeprägten Bindung

Diese Phase umfasst den Zeitraum vom sechsten bis achten Lebensmonat bis hin zu einem Alter von 1,5 bis 2 Jahren. In dieser Zeit entsteht die spezifische Bindung zur Bezugsperson. Der Säugling bzw. das Kleinkind beginnt zu “Fremdeln”, es protestiert bei Trennungen und bemüht sich um aktive Kontaktaufnahme zu den Bezugspersonen.

4. Bindungsphase: Phase der reziproken Beziehungen

Die letzte Bindungsphase beginnt ab einem Alter von 1,5 bis 2 Jahren. Beim Kleinkind entsteht ein inneres Arbeitsmodell, in dem die eigenen Bindungserfahrungen abgespeichert sind. Das Kind ist jetzt zunehmend in der Lage, Trennungen von den Bezugspersonen zu akzeptieren. Bei positiven Bindungserfahrungen weiß das Kind, dass die Bezugsperson als “sicherer Hafen” verfügbar ist, auch wenn sie gerade nicht anwesend ist.

Welche Bindungstypen gibt es?

Mit Hilfe des Fremde-Situations-Tests von Ainsworth, Blehar, Waters und Wall (1978) kann man die Bindungsqualität zwischen dem Kind und der Bezugsperson erfassen. Der Test besteht aus mehreren Phasen, in denen es zur Trennung und Wiedervereinigung zwischen einer Bezugsperson und dem Kind kommt.

Hier schaut man sich an, wie sich das Kind während der Trennung, nach dem Wiedersehen und auch in Bezug auf die fremde Person im Raum verhält. Anhand dieses Tests lassen sich vier Bindungstypen unterscheiden:

Der sichere Bindungstyp

Bei einer sicheren Bindung vermisst das Kind seine Bezugsperson während der Trennungssituation, und es fängt möglicherweise an zu weinen. Das Kind kann durch die fremde Person nicht vollständig getröstet werden und es freut sich, wenn die Bezugsperson wieder den Raum betritt. Die Bezugsperson gilt gewissermaßen als sichere Basis, von der aus die Umwelt entdeckt werden kann.

Der unsicher-vermeidende Bindungstyp

Bei einer unsicher-vermeidenden Bindung macht das Kind kaum einen Unterschied zwischen Bezugsperson und fremder Person. Während der Trennung von der Bezugsperson sind diese Kinder kaum beunruhigt oder traurig. Wenn die Bezugsperson dann wieder den Raum betritt, wird der Kontakt bzw. die Interaktion vom Kind eher vermieden.

Der unsicher-ambivalente Bindungstyp

Bei einer unsicher-ambivalenten Bindung verlässt das Kind schon vor der Trennung kaum den Nahbereich der Bezugsperson. Das Explorationsverhalten ist reduziert, das Kind “klammert” sich an seine Bezugsperson. In der Trennungssituation reagieren diese Kinder oft wütend oder passiv. Auch wenn die Bezugsperson wieder zurückkommt, lassen sie sich von dieser nur schwer wieder trösten.

Der desorganisierte-desorientierte Bindungstyp

Dieser Bindungstyp zeichnet sich dadurch aus, dass die Verhaltensweisen des Kindes zum Teil widersprüchlich oder ungewöhnlich sind. Das kann z.B. sein, wenn das Kind in seinen Bewegungen “einfriert” oder wenn es die gleichen Handlungen immer und immer wieder ausführt.

Wie häufig treten die Bindungstypen auf?

Berk (2005) zeigte, dass der sichere Bindungstyp mit 60-70% am häufigsten gefunden wird. Danach folgen die unsicher-vermeidende Bindung mit 15-20% und die unsicher-ambivalente Bindung mit 10-15%. Schlusslicht bildet die desorganisiert-desorientierte Bindung mit 5-10%. Die Häufigkeiten hängen jedoch auch davon ab, in welchem Kulturkreis wir uns bewegen – die oben genannten Werte gelten vor allem für die individualistische, westliche Kultur.

Wie stabil ist ein Bindungsstil über die Zeit hinweg?

Bindungstypen können nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen unterschieden werden. Es müssen lediglich andere Verfahren eingesetzt werden, um den Bindungsstil zu erfassen. Man hat herausgefunden, dass Bindungserfahrungen und damit auch der Bindungsstil relativ stabil sind (Waters et al., 2000).

Trotzdem heißt das nicht automatisch, dass man sein Leben lang den gleichen Bindungsstil aufweisen muss. Wenn man im Erwachsenenalter positive Erfahrungen mit Bindungspersonen macht, kann sich der Bindungsstil noch ändern. Manche Untersuchungen zeigen sogar, dass im höheren Erwachsenenalter nur noch zwei Bindungstypen vorherrschend sind: die sichere Bindung und die unsicher-vermeidende Bindung (Waldinger et al., 2015).

Welche Rolle spielt der eigene Bindungsstil für die Erziehung?

Die eigenen Bindungserfahrungen stehen nicht im luftleeren Raum. Es ist vielmehr so, dass diese Erfahrungen mitbestimmen, wie wir mit unseren Kindern (und Partnern) umgehen, wir wir uns ihnen gegenüber verhalten. Deswegen überrascht es vielleicht nicht, dass der eigene Bindungsstil häufig auch an das Kind weitergegeben wird (van IJzendoorn, 1995).

Stark vereinfacht ausgedrückt: Menschen, die unsicher-vermeidend aufgewachsen sind, zeigen auch ihrem Kind gegenüber vermeidendes Verhalten (z.B. Vermeidung von Nähe). Das Kind wiederum erfährt kein positives Bindungsverhalten und entwickelt selbst ein vermeidendes Bindungsmuster. Das Gleiche gilt für unsicher-ambivalente (ängstliche) Menschen: Wer als Elternteil z.B. zwischen Loslassen und Klammern wechselt, erzeugt beim Kind ähnliche Verhaltensmuster.

Wie sich unsere eigenen Muster auf unsere Kinder übertragen und wie man diesen Kreislauf durchbrechen kann, könnt ihr in dem Buch Nestwärme, die Flügel verleiht nachlesen.

Fazit

Wir haben gesehen, dass es nach der Bindungstheorie vier Bindungstypen gibt und dass diese relativ stabil sind. Bindungsstile wirken sich in verschiedenen Lebensbereichen aus, wie z.B. Erziehung, aber auch Partnerschaft, Freundschaft oder Sexualität, um nur ein paar zu nennen. Wie genau das aussieht, erfahrt ihr in den folgenden Artikeln.

Aber wie sieht das bei euch aus? Hat sich euer Bindungsstil über die Zeit möglicherweise verändert? Oder könnt ihr es bestätigen (oder eben nicht), dass ihr euren Bindungstil an eure Kinder weitergegeben habt? Ich freue mich über eure Kommentare!

Literatur & Links

Ainsworth, M. D., Blehar, M., Waters, E., & Wall, S. (1978). Patterns of attachment: A psychological study of the strange situation. Lawrence Erlbaum.

Berk, L. E. (2005). Entwicklungspsychologie. München: Pearson.

Bowlby, J. (1969/1982). Attachment and loss. New York: Basic Books.

Lohaus, A., Vierhaus, M., & Maass, A. (2015). Entwicklungspsychologie. Berlin: Springer.

Van Ijzendoorn, M. H. (1995). Adult attachment representations, parental responsiveness, and infant attachment: a meta-analysis on the predictive validity of the Adult Attachment Interview. Psychological bulletin, 117, 387.

Waldinger, R. J., Cohen, S., Schulz, M. S., & Crowell, J. A. (2015). Security of attachment to spouses in late life: Concurrent and prospective links with cognitive and emotional well-being. Clinical Psychological Science, 3, 516-529.

Waters, E., Merrick, S., Treboux, D., Crowell, J., & Albersheim, L. (2000). Attachment security in infancy and early adulthood: A twenty‐year longitudinal study. Child development, 71, 684-689.

https://de.wikipedia.org/wiki/Bindungstheorie

https://kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/psychologie/1722

https://www.kindererziehung.com/Paedagogik/Entwicklung/Bindungstheorien.php

2 Kommentare

  1. Hallöchen 🙂

    interessanter Artikel! Ich habe gemerkt, dass ich die Bezugsperson zu meinen jüngeren Geschwistern war aber das hat sich mit der Zeit gelegt. Danke aber für die ausführliche Erklärung! Finde ja sowas generell mega interessant und hab es auch im Psychologieunterricht geliebt 🙂

    Liebe Grüße

    Alisia

    • Liebe Alisia,
      ich finde es auch immer spannend, wie man eine Brücke von der “Theorie” zu den eigenen Erfahrungen schlagen kann 🙂
      Viele Grüße
      Mady

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